Was ist eine Depression?

Ursachen für eine Depressionen

Im Gegensatz zu organischen Erkrankungen, wie beispielsweise einem gebrochenen Bein, lässt sich eine depressive Episode nicht auf eine einzelne Ursache zurückführen. Stattdessen gibt es eine große Zahl von Faktoren, die zusammenwirken müssen, damit eine solche Erkrankung sich entwickelt. Kurz zusammengefasst ist eine Depression eine über mindestens 2 Wochen fast ununterbrochen anhaltende Störung der Stimmung, die sich in Antriebslosigkeit, Traurigkeit und dem Verlust von Interesse an sonst favorisierten Aktivitäten zeigt. Hinzu kommen Nebensymptome, wie Schlafstörungen, Appetitlosigkeit oder Unruhe. Keinesfalls darf man eine Depression mit einem vorübergehenden Stimmungstief verwechseln, das wohl jeden Menschen mal treffen kann. Eine Depression ist eine sehr ernsthafte Erkrankung mit potentiell tödlichem Ausgang (die Selbstmordgefährdung kann hoch sein).

Die Diagnosekriterien des ICD

Der behandelnde Allgemeinarzt oder Psychiater wird sich bei der Diagnostik im Rahmen des Patientengespräches an die statistisch validierten (also „bestätigten“) Angaben der International Classification of Diseases (ICD) halten. In der folgenden Auflistung sollen die Hauptsymptome- oder Kriterien angegeben werden, die einen Hinweis auf ein mögliches Vorliegen einer leichten, mittelschweren oder schweren Depression bieten können:

(1) eine über einen längeren Zeitraum andauernde gedrückte Stimmung UND/ODER
(2) Verlust von Interesse UND/ODER
(3) Erschöpfung oder Energiemangel

Für die Diagnose „Depression“ muss mindestens eines der genannten Merkmale über einen Zeitraum von mindestens zwei Wochen fast täglich/fast ununterbrochen auftreten. Bei dauerhaftem Vorliegen von mindestens einem der genannten Beschwerden, wird der Mediziner im Patientengespräch folgende Nebensymptome abfragen:

(1) Schlafstörungen
(2) Störungen der Konzentration oder Unentschlossenheit
(3) Geringes Selbstbewusstsein
(4) verringerter oder gesteigerter Appetit
(5) Suizidgedanken oder Suizidversuche
(6) Erregtheit oder Bewegungsverlangsamung
(7) Schuldgefühle oder Selbstvorwürfe

Bei Vorliegen von vier der oben genannten Symptome (davon mindestens eines der Hauptsymptome), geht der behandelnde Arzt von einer leichten depressiven Episode aus.. Gibt der Betroffene vier bis sechs der oben genannten Beschwerden an, hat er n eine mittelschweren Depression. Leidet der Patient an mehr als sechs der genannten „Merkmale“ muss man von einer schweren depressiven Episode ausgehen.

 

Neurobiologische Faktoren

Obwohl eine Depression als psychische Erkrankung beschrieben wird, liegen ihr immer sowohl neurobiologische Faktoren, wie auch Umwelteinflüsse zugrunde. Hier gilt einerseits, dass nicht jeder, der bestimmten Stressfaktoren ausgesetzt ist, notwendigerweise eine Depression entwickelt. Auf der anderen Seite entwickeln manche Menschen Depressionen, obwohl die äußeren Umstände vergleichsweise harmonisch sind oder zumindest „erscheinen“. Psychische Syndrome der genannten Art entstehen also immer dann, wenn eine genetische/neurobiologische Grundlagenstörung auf umweltbedingte Stressoren trifft. Neurobiologisch wird die Basis für eine Depression durch eine angeborenes, bzw. vererbtes Ungleichgewicht von Botenstoffen im Gehirn verursacht. Diese Botenstoffe, die man auch als Neurotransmitter bezeichnet sorgen im menschlichen Gehirn dafür, dass Informationen weitergeleitet werden. Insbesondere die Botenstoffe Serotonin oder Noradrenalin sorgen für Glücksgefühle, Stimmungshochs, sowie für Antrieb und Motivation.

Vulnerabilität – Erbliche Vorbelastung

Die aktuellen Behandlungsansätze, die beim Vorliegen einer Depression Anwendung finden, orientieren sich an den multiplen Faktoren, die ihr zugrunde liegen. Hier wird ein kombinierter Ansatz genutzt, der üblicherweise eine medikamentöse Therapie mit einer psychologischen Begleitung verbindet. Je nachdem, ob die psychosoziale Ursache der Depression eher in frühkindlichen traumatischen Erlebnissen liegt, oder ob es eher aktuelle Stressoren sind, die die Probleme hervorrufen, werden teilweise eher tiefenpsychologische Verfahren genutzt, teilweise steht aber auch eine etwas „pragmatischere“ verhaltenstherapeutische Begleitung im Zentrum. Die Tiefenpsychologie arbeitet anfangs mit einer hohen Frequenz von Sitzungen (2-3 mal die Woche) und möchte verdrängte Emotionen aufdecken. Die Verhaltenstherapie denkt weniger über die Ursache der vorliegenden Depression nach, sondern ist eher bemüht, den Patienten dazu zu bringen, dass er in der Diskussion mit dem Therapeuten lernt, Stressfaktoren im Alltag zu vermeiden.

Wenn wir von genetischer Veranlagung im Kontext von Depressionen sprechen, kann man sich die Frage stellen, ob Depressionen vererbt werden. Auf diese Frage gibt es keine eindeutige Antwort, aber zusammenfassend kann man vielleicht betonen, dass die Anlage durchaus vererbt wird, dass ein Ausbruch der Krankheit aber nur unter Einfluss von zusätzlichen Stressfaktoren vorkommt. Wenn man weiß, dass in den vorhergehenden Generationen Depressionen vorgekommen sind, dann kann das im Rahmen der Diagnostik sicher ein hilfreicher Hinweis sein, da die Wahrscheinlichkeit, an Depressionen zu erkranken in diesem Fall etwas größer ist. Allerdings kann kein eindeutiger Prozentsatz angegeben werden, wie das etwa bei dominant oder rezidiv vererbten genetischen Defekten der Fall ist.

 

Psychotherapie und Medikamente

Bei eher leichten depressiven Episoden kann eine medikamentöse Behandlung auch zunächst ausbleiben. Studien zeigen, dass sich die Verfügbarkeit der Botenstoffe im Gehirn auch im Rahmen einer Psychotherapie verändert, bzw. verbessert. Problematisch ist in diesem Fall, dass die Therapieplätze teilweise rar sind und man häufig längere Zeit auf einen Psychotherapeuten warten muss. Häufig wird eine medikamentöse Therapie angeraten. Die „neu“ eingesetzten Medikamente, die meistens die Spiegel der entsprechenden Neurotransmitter innerhalb des Gehirnes anheben, machen im Gegensatz zu den ursprünglich eingesetzten Schlaf- und Beruhigungsmitteln aus der Wirkstoffgruppe der Benzodiazepine nicht abhängig, so dass eine Behandlung mit Hilfe von Tabletten durchaus vertretbar ist. Dabei ist nur zu bedenken, dass jeder Betroffene individuell ganz unterschiedlich auf die Wirkstoffe reagiert, so dass der Psychiater, der das Rezept ausstellt eventuell anfangs ein wenig „experimentieren“ muss, bis der geeignete Wirkstoff gefunden wird. Eine engmaschige Kontrolle sollte daher am Anfang der medikamentösen Behandlung unbedingt gewährleistet sein.

Antidepressiv agierende Wirkstoffe beeinflussen die Zusammensetzung und Verfügbarkeit der Botenstoffe im Gehirn. Hierbei sind es insbesondere die Neurotransmitter Serotonin und Noradrenalin, die im Kontext einer Depression und ihrer Behandlung im Zentrum des Interesses stehen, Serotonin ist auch als „Glücksbotenstoff“ bekannt. Im „Volksmund“ heißt es gerne, eine Depression sei auf einen Mangel an Serotonin zurückzuführen, was aber eine vereinfachte Erklärung ist, da die glücklich machende Wirkung eher auf ein Interaktion – also das Zusammenspiel – der unterschiedlichen Botenstoffe zurückzuführen ist. Dennoch kann man davon ausgehen, dass Medikamente, die den Spiegel des Neurotransmitters Serotonin im Gehirn erhöhen oder auf einem erhöhten Level halten auch die Fähigkeit verbessern, wieder Freude an bestimmten Ereignissen oder Tätigkeiten zu gewinnen, fier im Kontext von depressiven Episoden verloren geht. Wirkstoffe, die die Level des Botenstoffes Noradrenalin erhöhen wirken sich eher auf die Verbesserung der Entschlussfähigkeit und auf die Motivation aus. An dieser Stelle ist sicher auch ein Warnhinweis angebracht. Die Suizidalität ist im Rahmen von Depressionen ein grundlegendes Problem. Da die Einnahme von antidepressiv wirkenden Medikamenten die Entschlussfähigkeit bei den Betroffenen verbessert, kann das dazu führen, dass die Selbstmordgefährdung in der ersten Zeit der Einnahme der genannten Wirkstoffe kurzfristig zunimmt. Auch aus diesem Grund ist eine nahtlose Kontrolle in der Anfangsphase einer medikamentösen Behandlung von Depressionen zwingend notwendig.

 

Sonderformen von Depressionen

Abhängig vom kulturellen Hintergrund, vom Alter und vom Geschlecht der Betroffenen, kann sich eine Depression in sehr unterschiedlicher Form äußern. Betroffene Kinder verfügen beispielsweise noch nicht unbedingt über die Fähigkeit, ihre emotionalen Konflikte in Worte zu fassen, so dass sich eine Depression bei ihnen häufig in Somatisierungsprozessen äußert, also einer Übertragung seelischer Konflikte auf den Körper. Kinder, die an Depressionen endogener oder exogener Art leiden, klagen beispielsweise gerne über Kopf- oder Bauchschmerzen. Die Interkulturelle Psychiatrie hat ebenfalls zeigen können, dass dies auch bei Erwachsenen typisch sein kann, wenn diese aus einem kulturellen Kontext kommen, in dem der Ausdruck negativer Gefühle, wie Traurigkeit oder Wut, mehr oder weniger verpönt ist.

Das Konzept der „Male Depression“

Auch die Frage der „Männergesundheit“ hat sich den letzten zwei Jahrzehnten immer stärker zu einem zentralen Thema entwickelt. Genauso wie sich ein Herzinfarkt bei Frauen häufig in verdeckter Form und mit ganz anderen Symptomen äußert, als bei Männern ist auch die sogenannte „male depression“, also die „männliche“ Form der Depression als Sonderfall zu betrachten und man muss als Arzt darüber informiert sein, dass die Symptome sich hier zumindest ein wenig anders präsentieren. Dies hat etwas mit dem Rollenbild zu tun, dem das „starke Geschlecht“ in unsererGesellschaft immer noch allzu häufig folgen soll. Eine beginnende Depression kann sich bei Männern aus diesem Grund unter dem Deckmantel einer zunehmenden Aggressivität präsentieren oder mit einem Erschöpfungssyndrom im Sinne eines Burn-Outs verwechselt werden. Problematisch ist auch, dass Männer dazu neigen, erst sehr spät psychotherapeutische Hilfe in Anspruch zu nehmen und über die Problematik insgesamt erst mit einer gewissen Verzögerung sprechen wollen/können. Hier muss Aufklärungsarbeit geleistet werden.

Auf der anderen Seite werden Frauen mit körperlich verursachten Beschwerden von Ärzten gerne schnell in die „Psycho-Schublade“ einsortiert. Hier ist daher ebenfalls Vorsicht geboten und man muss sicherstellen, dass zunächst alle denkbaren körperlichen Ursachen ausgeschlossen werden, bevor die Aufgabe an den Psychiater oder Psychologen weitergegeben wird.

 

Zusammenfassung:

(1) Eine Depression ist eine schwerwiegende aber gut zu behandelnde Erkrankung, deren Ursache zum Teil in der Neurobiologie und Genetik zu finden ist, die aber eigentlich immer erst durch „Umwelteinflüsse“ (Traumata, schwierige Erlebnisse, etc) zum Ausbruch kommt.

(2) Eine Depression ist nicht immer einfach zu diagnostizieren. Mögliche körperliche Ursachen müssen zunächst dringend ausgeschlossen werden.

(3) Depressive Episoden treffen Männer und Frauen gleichermaßen – die Symptomatik kann sich auf Grund des Rollenverständnisses unterschiedlich präsentieren. Auch Kinder und Jugendliche können depressiv werden. Manchmal zeigt sich eine Depression in diesem Fall durch körperliche Symptome (etwa: Bauch – oder Kopfschmerzen)

Quellen:

http://www.who.int/classifications/icd/en/bluebook.pdf

AM Möller-Leimkühler DFP – Depression bei Männern- eine Einführung- Journal für Neurologie, Neurochirurgie und Psychiatrie 2010; 11 (3), 11-20
http://www.kup.at/kup/pdf/9154.pdf

Nils Opel, Ronny Redlich, Peter Zwanzger, Dominik Grotegerd, Volker Arolt, Walter Heindel, Carsten Konrad, Harald Kugel & Udo DannlowskiHippocampal Atrophy in Major Depression: a Function of Childhood Maltreatment Rather than Diagnosis?Neuropsychopharmacology (2014) 39, 2723-2731 (2014)

Roselinde H. Kaiser (2017): Neurocognitive Markers of Depression. In: Biological Psychiatry 81 (4) S. 29-31
1. NICE (December 2004). Management of depression in primary and secondary care