Tianeptin

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Seit November 2012 ist Tianeptin in Deutschland auf dem Markt. Der Wirkstoff ist in Frankreich bereits seit 1988 auf dem Markt. Der Einsatz von Tianeptin erfolgte später in zahlreichen weiteren Ländern der EU. Neu ist er also nur in Deutschland. Die Ergebnisse bis heute sprechen für sich. Das Wirkprinzip von Tianeptin ist einzigartig, da glutamaterge Mechanismen die Neuroplastizität zusätzlich beeinflussen. In der Praxis haben auch die Ergebnisse der Verträglichkeit überzeugt. Heutzutage geht man davon aus, dass neuroplastische und strukturelle Beeinträchtigungen in unterschiedlichen Regionen des Gehirns einen Einfluss auf die Entstehung einer Depression haben.

 

Anwendungsgebiete

Tianeptin wird bei leichten, mittelschweren und schweren Depressionen eingesetzt. Hinweise zur Wirksamkeit bei Zwangsstörungen und Angststörungen liegen ebenfalls vor. Für diesen Bereich existiert jedoch derzeit keine Zulassung, allerdings kann Tianeptin als sogenanntes Off-Label eingesetzt werden. Das bedeutet, dass ein Arzt Tianeptin auch bei anderen Erkrankungen einsetzen kann, obwohl es hierfür keine explizite Zulassung gibt.

 

Tianeptin – die Wirkung

Tianeptin hat eine modulierende Wirkung auf AMPA-Rezeptoren und glutamerge NMDA-Rezeptoren. Es scheint Veränderungen im präfrontalen Cortex und im Hippocampus rückgängig machen zu können oder zu verhindern können. Zumindest wenn diese Veränderungen stressbedingt sind. In der Anfangsphase verhindert Tianeptin die Wiederaufnahme von Serotonin, es ist ein sogenannter Serotonin-Wiederaufnahmehemmer. Der Erfolg von Tianeptin steht damit in Widerspruch zu den herkömmlichen Depressionstheorien. Dies spricht für die Wirkung des modulierenden Einflusses von Tianeptin auf das glutamerge System.

Im Nucleus accumbens des Vorderhirns erhöht Tianeptin die Dopamin-Konzentration. Die Wirkweise von Tianeptin ist nicht eindeutig geklärt, da der Wirkstoff selbst keine Affinität zu dopaminergen und serotonergen Rezeptoren aufweist. Auch zu den Dopamintransportern oder den Serotonintransportern ist keine Affinität vorhanden.

In erster Linie wird für die Wirkung von Tianeptin der modulierende Einfluss auf das glutamaterge System verantwortlich gemacht. Der Neurotransmitter Glutamat spielt unter anderem eine Rolle bei der Entstehung einer Depression. Im Tierversuch wurde festgestellt, dass stressbedingte, zelluläre und strukturelle Veränderungen im Gehirn durch Tianeptin verhindert oder rückgängig gemacht werden können. Der Stress, der mit einer Depression verbunden ist, hat so keine nachteiligen Folgen auf den präfrontalen Cortex und den Hippocampus.

Das bedeutet, Tianeptin sorgt für eine Wiederherstellung der Neuroplastizität der Amygdala und des Hippocampus. Der Hauptmechanismus scheint eine Hemmung der Hypothalamus-Nebennierenrinde-Achse zu sein. Diese ist bei einer Depression normalerweise überstimuliert. Eine stressinduzierte Atrophie der Dendriten in den Pyramidenzellen des Hippocampus wird so verhindert. Die Lernfähigkeit und das Erinnerungsvermögen und weitere kognitive Fähigkeiten werden positiv beeinflusst.

Tianeptin weist eine strukturelle Ähnlichkeit mit den Benzodiazepinen auf.

 

Darreichungsformen

Tianeptin ist in Form von Tabletten erhältlich. Die Tabletten enthalten 12,5 Milligramm des Wirkstoffs.

 

Dosierung

Tianeptin wird vom Arzt verschrieben und er entscheidet auch über die Dosierung. Die Dosierung für gesunde Erwachsene liegt bei dreimal täglich eine Tablette, morgens, mittags und abends eingenommen. Die empfohlene Dosis liegt also bei 12,5 bis 36 Milligramm. Medikamente mit dem Wirkstoff Tianeptin sollten vor den Mahlzeiten eingenommen werden. Bei Patienten im Alter von über siebzig Jahren wird eine Dosis von 2 Tabletten pro Tag empfohlen.

 

Wirkungseintritt

Normalerweise setzt die Wirkung innerhalb von ein bis zwei Wochen ein. Bei einer Depression, die nach einem Alkoholentzug auftritt und mit Tianeptin behandelt wird, muss mit einem verzögerten Wirkungseintritt gerechnet werden. Dieser liegt bei vier bis acht Wochen.

 

Nebenwirkungen

Wie bei fast allen Medikamenten treten auch bei Tianeptin die Nebenwirkungen in unterschiedlicher Häufigkeit auf. Nebenwirkungen, die häufig, also bei weniger als einem Patienten von zehn aber mehr als einem Behandelten von einhundert sind:

  • Schläfrigkeit oder Schlaflosigkeit
  • Kopfschmerzen
  • Benommenheit
  • Zittern
  • Kreislaufkollaps
  • eingeschränktes Sehvermögen
  • schnelles oder unnatürliches Herzklopfen
  • Atembeschwerden
  • Schwächegefühl
  • Mundtrockenheit
  • Erbrechen, Übelkeit, Bauchschmerzen, Blähungen, Durchfall
  • Neuroleptika, Antidepressiva, Schmerzmittel, Benzodiazepine
  • Brustschmerz
  • Sodbrennen
  • Rückenschmerzen

Gelegentlich treten Nesselsucht oder Juckreiz auf. Und selten tritt eine Arzneimittelabhängigkeit auf, in erster Linie dann, wenn bereits schon einmal eine Abhängigkeit aufgetreten ist. Dies kann Drogen- oder Alkoholmissbrauch gewesen sein.

Im Vergleich mit anderen Trizyklika gibt es unter der Einnahme von Tianeptin weniger gastrointestinale Störungen, Gewichtszunahmen, Tremor, Zunahme der Herzfrequenz oder ZNS-Nebenwirkungen. Ebenfalls treten weniger häufig sexuelle Funktionsstörungen unter der Einnahme von Tianeptin auf. Mundtrockenheit tritt hingegen häufiger auf.

 

Kontraindikationen

Bei einer Überempfindlichkeit gegen Tianeptin-Natrium oder sonstige Bestandteile des Medikaments sollte auf die Einnahme von Tianeptin verzichtet werden. Dasselbe gilt bei gleichzeitiger Einnahme von anderen Medikamenten gegen Depressionen, insbesondere bei MAO-Hemmern. Diese sollten ungefähr einen Tag vor der Einnahme von Tianeptin abgesetzt werden. Werden MAO-Hemmer nach einer Therapie mit Tianeptin verordnet, sollte das Tianeptin ungefähr zwei Wochen vorher abgesetzt werden. Während der Schwangerschaft und der Stillzeit sollte auf die Einnahme von Tianeptin verzichtet werden. Verzichtet werden sollte auch auf die Einnahme bei Jugendlichen unter 15 Jahren.

 

Besondere Vorsicht bei der Einnahme von Tianeptin

Gedanken an Selbstverletzungen und Suizid können bei Depression oder Angststörungen verstärkt sein, und zwar so lange, bis das Medikament wirkt. Dies dauert meist zwei Wochen. Die Einnahme von Tianeptin sollte vierundzwanzig bis achtundvierzig Stunden vor einer Anästhesie unterbrochen werden. Bei einer eingeschränkten Nieren- oder Leberfunktion muss eine Dosisanpassung erfolgen.

Der Wirkstoff Tianeptin kann zu Sehstörungen führen und die Reaktionsfähigkeit beeinträchtigen. Zu Beginn der Behandlung oder bei einer Steigerung der Dosis sollte daher auf das Führen eines Kraftfahrzeugs und die Bedienung von Maschinen verzichtet werden. Der Wirkstoff darf nicht über 30 Grad Celsius gelagert werden und ist verschreibungspflichtig.

 

Wechselwirkungen

Wechselwirkungen gibt es bei Tianeptin nicht allzu viele. Der Wirkstoff darf nicht eingenommen werden, wenn gleichzeitig MAO-Hemmer verschrieben wurden. Das Risiko für Bluthochdruck, Krämpfe, Kreislaufkollaps, Hyperthermie und Tod wird deutlich erhöht. MAO-Hemmer sollten vierzehn Tage vor der Einnahme von Tianeptin abgesetzt werden. Wie bei den meisten Psychopharmaka sollte auf den Konsum von Alkohol während der Einnahme verzichtet werden. Alkohol verringert die Aufnahme des Wirkstoffs Tianeptin, dies führt zu einer verminderten Wirkung.

 

Tianeptin absetzen

Tianeptin sollte schrittweise über einen Zeitraum von sieben bis vierzehn Tagen reduziert werden. Von einem unmittelbaren, abrupten Absetzen wird abgeraten. Vor Operationen wird ein Absetzen ungefähr ein bis zwei Tage vorher angeraten.

 

Überdosierung und Intoxikation

Eine Überdosierung von Tianeptin zeigt sich mit folgenden Anzeichen und Symptomen:

  • Verwirrungszustände
  • Somnolenz
  • Mundtrockenheit
  • Atemnot
  • Konvulsionen

In Falle einer Überdosierung ist eine Magenspülung erforderlich, sofern das Medikament nicht mehr als zwei Stunden vor der Hospitalisierung eingenommen wurde. Ist der Zeitraum überschritten, kann Aktivkohle helfen. Der Patient muss überwacht werden. Es erfolgt eine symptomatische Behandlung.

 

Erfahrungen mit Tianeptin

Die Erfahrungen von Patienten, die Tianeptin einnehmen, sind im Allgemeinen sehr gut. Nebenwirkungen treten so gut wie nicht auf. Die Patienten fühlen sich wohler als vor der Einnahme. Auch bei Einnahmen über längere Zeiträume wird selten von Nebenwirkungen berichtet. Im Gegenteil, viele Patienten, die im Vorfeld mit anderen Antidepressiva behandelt wurden, sind sehr zufrieden mit Tianeptin. Sie beschreiben eine deutliche Abnahme der Nebenwirkungen im Gegensatz zu den anderen Medikamenten. Teilweise verschwinden auch sämtliche Nebenwirkungen, die andere Medikamente zur Folge hatten. Dies bedeutet jedoch nicht, dass Tianeptin für jeden Patienten die bessere Alternative ist.