Risperidon

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Risperidon ist ein antipsychotisch wirkendes Medikament aus der Klasse der atypischen Neuroleptika, das hauptsächlich zur Behandlung von Schizophrenie und manischen Episoden eingesetzt wird. Es zählt zu den am meisten verordneten Antipsychotika in Deutschland.

Deutsche Handelsnamen für den Wirkstoff Risperidon sind unter anderem:
  • Risperdal
  • Risperdal-Consta
  • Risocon
  • RispeCare

 

1. Anwendungsgebiete

Als alleiniges Medikament wird Risperidon bei folgenden Krankheitsbildern angewandt:

  • Schizophrenie
  • Schizoaffektive Störung
  • Manische Episode

Darüber hinaus wird Risperidon bei weiteren Störungen in Kombination mit einer anderen medikamentösen oder psychosozialen Behandlung eingesetzt, um die Wirkung der eigentlichen Therapie zu verstärken. Hierzu zählen:

  • Auto- und/oder Fremdaggressionen im Rahmen einer Alzheimer-Demenz: Die Medikation wird maximal sechs Wochen durchgeführt und darf nur ergänzend zu einer Behandlung der demenziellen Symptomatik stattfinden.
  • Auto- und/oder Fremdaggressionen bei Kindern und Jugendlichen mit einer geistigen Behinderung oder verminderter Intelligenz: Die Medikation erfolgt maximal für sechs Wochen und darf nur ergänzend zu einer umfassenden psychosozialen Betreuung, sowie nach Ausschöpfung aller weiteren Maßnahmen stattfinden.
  • Schwere Zwangsstörungen: Die Medikation kann eingesetzt werden, wenn eine kognitive Verhaltenstherapie in Verbindung mit der Gabe eines Antidepressivums nicht ausreicht für einen Behandlungserfolg.
  • Schwere Persönlichkeitsstörungen: Risperidon kann zur vorübergehenden Abmilderung einer eventuell auftretenden psychotischen Symptomatik verabreicht werden.
  • Posttraumatische Belastungsstörung: Risperidon wird in einigen Fällen angewandt, um das Auftreten von Intrusionen – das ist das Aufblitzen traumatischer Erinnerungsfragmente – sowie die allgemeine Reizbarkeit zu mindern. Es gibt keinen nachweislichen Behandlungserfolg bei Traumafolgestörungen.
  • Major Depression: Die Medikation kann verstärkend zur Gabe eines Antidepressivums eingesetzt werden.

 

2. Historische Entwicklung

Risperidon wurde unter dem Handelsnamen Risperdal 1994 erstmals vermarktet. Obwohl mit dem Wirkstoff Clozapin bereits 1958 das erste sogenannte atypische Neuroleptikum eingeführt wurde, wurde die Wirkstoffklasse erst mit dem Medikament Risperidon populär.

Bei den atypischen Neuroleptika handelt es sich um antipsychotisch wirkende Substanzen, die eine Alternative zu den sogenannten typischen Neuroleptika (z. B. Chlorpromazin) darstellen. Mit Einführung der atypischen Neuroleptika erhoffte man sich geringere Nebenwirkungen, die bei antipsychotischen Medikamenten teils sehr belastend sein können.

Den großen Erwartungen konnte Risperidon und andere Arzneistoffe aus der Gruppe der atypischen Neuroleptika nicht gerecht werden. Bis heute ist die Frage, ob atypische Neuroleptika tatsächlich besser verträglich sind, nicht abschließend geklärt.

Die Nutzung von Risperidon zur Behandlung von aggressivem Verhalten in Zusammenhang mit einer verminderten Intelligenz wird von der Forschungsgemeinde in Teilen kritisch betrachtet. 2008 wurde eine britische Studie veröffentlicht, der zufolge die Anwendung von Risperidon und Haloperidol (ein anderes Neuroleptikum) bei obiger Indikation keinen Effekt im Vergleich zu Placebos hatte.

Obwohl der Studie methodische Fehler nachgewiesen werden konnten, hat sie dazu beigetragen, dass der Einsatz von Antipsychotika – insbesondere im Umgang mit Kindern und Jugendlichen – wieder zunehmend kritischer hinterfragt wird.

Negative Schlagzeilen machte das Medikament auch 2016, als in den USA eine Sammelklage von 13.000 Männern gegen den Hersteller eingereicht wurde. Grund der Klage war die Erkrankung an Gynäkomastie. Hierbei vergrößert sich das Brustdrüsengewebe beim Mann, sodass den Betroffenen Männerbrüste wachsen.

In Deutschland ist Risperidon nach wie vor eines der am meisten verordneten Antipsychotika. 2013 wurde es als das einzige kosteneffektive und in seiner Wirksamkeit alternativlose Neuroleptikum auf die Liste der unentbehrlichen Arzneimittel der WHO aufgenommen.

 

3. Pharmakodynamik – Wirkung von Risperidon

Der Einsatz von Neuroleptika in der Behandlung psychotischer Symptome beruht auf der sogenannten Dopaminhypothese, die jedoch zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht gesichert ist.

Die Hypothese besagt, dass psychotische Symptome, z. B. Wahnvorstellungen, ausgelöst werden, weil in einem bestimmten Hirnareal ein Überschuss des Neurotransmitters Dopamin herrscht.

Dopamin ist ein wichtiger Botenstoff, der eine Vielzahl von Abläufen im menschlichen Organismus beeinflusst. Dazu zählt die Aktivierung des Belohnungszentrums – verbunden mit einer antriebssteigernden und motivierenden Wirkung – aber auch die Bewegungssteuerung und die Durchblutung einiger Organe werden maßgeblich durch dopaminerge Systeme gesteuert.

Der Wirkstoff Risperidon hemmt die Dopaminausschüttung im Körper, indem er die Transportwege des Botenstoffs sozusagen blockiert. Risperidon wirkt dabei vermehrt in einem bestimmten Bereich des Gehirns, während in anderen Bereichen das Dopamin weitestgehend unbehindert transportiert werden kann. Diese eingegrenzte Wirkung unterscheidet Risperidon von den typischen Neuroleptika, welche Auswirkungen auf das gesamte Gehirn haben.

Daneben beeinflusst Risperidon auch das Serotonin-System. Serotonin ist ein weiterer wichtiger Botenstoff im Gehirn.
Auch der Serotonin-Transport wird von dem Wirkstoff Risperidon blockiert, die Weitergabe von Serotonin im Gehirn wird insgesamt also gehemmt. Risperidon beeinflusst das Serotonin-System in etwa zwanzig Mal stärker, als es das dopaminerge System beeinflusst. Trotzdem zählt Risperidon zu den hochpotenten Neuroleptika, das bedeutet, dass es eine sehr starke antipsychotische Wirkung hat.

 

4. Pharmakokinetik – Wirkungseintritt und -dauer

Resorption – Wirkstoffaufnahme
Risperidon wird im Verdauungstrakt vollständig absorbiert und erreicht die höchste Konzentration im Blut nach ein bis zwei Stunden.Eine Ausnahme stellt das Präparat Risperdal-Consta dar, dass als ein Medikament mit Langzeitwirkung entwickelt wurde und entsprechend langsamer vom Körper aufgenommen wird.

Distribution – Verbreitung
Risperidon verteilt sich eher schlecht im Körper. Ein Großteil des Wirkstoffs wird im Blut an Proteine gebunden und ist deswegen nicht wirksam.

Metabolismus – Verstoffwechselung
Risperidon wird im Körper durch Enzyme in einen anderen Wirkstoff umgewandelt, das sogenannte Palperidon. Palperidon wirkt im Körper ähnlich wie der eigentliche Wirkstoff Risperidon. Die antipsychotische Wirkung entfaltet sich durch das Zusammenwirken der beiden Stoffe.

Elimination – Ausscheidung
Risperidon hat eine Halbwertszeit von drei Stunden, die Halbwertszeit von Palperidon beträgt 24 Stunden.

 

5. Dosierung

Risperidon wird in einer Vielzahl von Präparaten mit unterschiedlichen Dosierungen angeboten. Die erforderliche Dosis unterscheidet sich individuell und nach Anwendungsgebiet, weshalb stets die Einnahmeempfehlungen vom behandelnden Arzt einzuholen sind.

 

6. Nebenwirkungen

Aufgrund des Wirkmechanismus kann Risperidon eine Vielzahl von Nebenwirkungen auslösen. Davon beeinträchtigen die Folgenden Betroffene am ehesten:

  • Störungen der Motorik (z. B. parkinsonähnliches Zittern)
  • Kopfschmerzen
  • Schlaflosigkeit und Unruhezustände
  • Gewichtszunahme
  • Sexualfunktionsstörung
  • EKG-Veränderungen

 

7. Wechselwirkungen

Risperidon tritt mit einer Reihe von Wirkstoffen auf verschiedene Art in Wechselwirkung. Eine Behandlung mit Risperidon ist vor Einnahme eines anderen Wirkstoffs dem verschreibenden Arzt in jedem Fall mitzuteilen. Auch bei Medikamenten, die nicht verschreibungspflichtig sind, können zum Teil Wechselwirkungen auftreten, sodass immer ein Arzt konsultiert werden sollte.

Es kann zu Komplikationen führen, wenn Risperidon mit anderen Medikamenten kombiniert wird, die ebenfalls bestimmte Auswirkungen auf den Herzrhythmus haben. Dazu gehören:

  • Antiarrhythmika
  • Tri- und Tetrazyklische Antidepressiva
  • Antihistaminika
  • Andere Antipsychotika

Bei Kombination mit folgenden Wirkstoffen kann die Wirkung von Risperidon verstärkt werden:

  • Fluoxetin und Paroxetin
  • Beta-Blocker
  • Trizyklische Antidepressiva

Bei gemeinsamer Einnahme mit folgenden Wirkstoffen kann sich die gewünschte Wirkung gegenseitig abschwächen:

  • Antiepileptika
  • Bestimmte Antibiotika
  • Levodopa
  • Blutdrucksenkende Medikamente

 

8. Kontraindikationen

Risperidon ist bei einer bestehenden Hyperprolaktinämie kontraindiziert. Bei dieser ist der Prolaktinspiegel im Körper erhöht. Prolaktin ist ein körpereigenes Hormon, das vor allem für das Brustwachstum zuständig ist.

9. Risperidon absetzen

Nach einer längeren Einnahme von Risperidon kann es beim Absetzen zu einer Vielzahl von Entzugserscheinungen kommen. Die Dosis sollte darum nur sehr langsam ausgeschlichen werden. Es ist sinnvoll einen Absetzplan mit dem behandelnden Arzt zu entwickeln.

Bei einem zu raschen Absetzen kann eine (erneute) Psychose ausgelöst werden.

 

10. Erfahrungen mit der Einnahme von Risperidon

Risperidon ist ein hochwirksames Medikament mit einem komplexen, nicht gänzlich erforschten Wirkmechanismus und wird bei unterschiedlichen Indikationen verschrieben. Individuelle Erfahrungen mit dem Medikament variieren deswegen stark.

Auch in wissenschaftlichen Kreisen besteht Uneinigkeit, was die Verträglichkeit von Risperidon und anderen atypischen Neuroleptika anbetrifft. Einige Studien weisen darauf hin, dass atypische Neuroleptika besser akzeptiert werden und weniger Nebenwirkungen, insbesondere motorische Störungen, zur Folge haben. Andere kommen zu dem Ergebnis, dass atypische Neuroleptika nicht signifikant verträglicher sind.

Quellen und weiterführende Informationen