Milnacipran

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Milnacipran ist ein Medikament zur Behandlung einer Major Depression, das erst seit 2016 in Deutschland zugelassen ist.

Das Psychopharmakon zählt zu den selektiven Serotonin- und Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmern (SSNRI). Es wirkt antidepressiv und antriebssteigernd.

Da es weniger Nebenwirkungen hat als trizyklische Antidepressiva und sich gut mit Benzodiazepinen oder Lithium kombinieren lässt, ist Milnacipran eine beliebte Medikation während einer Akutphase der Major Depression.

Der deutsche Handelsname von Milnacipran ist MILNAneuraX.

 

Anwendungsgebiete

In Deutschland ist Milnacipran ausschließlich zur Behandlung einer Major Depression zugelassen.

In den USA hingegen wird Milnacipran zur Behandlung von Fibromyalgie – ein Schmerzsyndrom, das mit Erschöpfungszuständen und depressiven Verstimmungen einhergeht – angewandt.
Da den europäischen Richtlinien zufolge keine valide Überprüfung der Wirksamkeit des Medikaments bei Fibromyalgie vorliegt, wurde eine entsprechende Zulassung verweigert.

Es ist denkbar, dass sich die Anwendungsgebiete von Milnacipran ausweiten, wenn zukünftig die Datengrundlage dank neuer Studien ausgeweitet wird.

 

Historische Entwicklung

Während Milnacipran in Österreich bereits seit 1998 zur Behandlung von Depressionen eingesetzt wird, erfolgte eine Zulassung des Medikaments auf dem deutschen Markt erst 2016. Damit zählt Milnacipran zu den neuesten, hiesig gebräuchlichen Antidepressiva.

In den 1950er Jahren, als erstmals Psychopharmaka zur Behandlung von Depressionen entwickelt und angewandt wurden, begann man mit den sogenannten trizyklischen Antidepressiva zu experimentieren.
Der Name hat dabei nichts mit der Wirkungsweise dieser Medikamente zu tun, sondern lediglich mit deren molekularer Struktur. Diese ist in drei Ringen angeordnet.

Rund 30 Jahre später wurden erstmals selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI) als Antidepressiva eingesetzt. Aufgrund Ihres gezielteren Wirkmechanismus und geringerer Nebenwirkungen im Vergleich zu trizyklischen Antidepressiva war und ist Ihre Vermarktung bis heute sehr erfolgreich.

Die selektiven Serotonin- und Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer (SNRI) haben sich zuletzt als weitere Variante der SSRI durchsetzen können. Mit ihrer Entwicklung erhoffte man sich in erster Linie eine bessere Wirksamkeit bezüglich der Psychomotorik.

Um herauszufinden, ob Milnacipran tatsächlich eine bessere Wirksamkeit als andere Antidepressiva besitzt, wurde 2008 eine breit angelegte Metastudie durchgeführt (https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC4164845/).
Die Auswertung der Daten von 2277 Milnacipran-Patienten ergab keine signifikant bessere Wirksamkeit des Medikaments. Lediglich die Nebenwirkungen des Wirkstoffs konnten als etwas geringer eingestuft werden.

 

Pharmakodynamik – Wirkung von Milnacipran

Milnacipran zählt zu der Wirkstoffklasse der selektiven Serotonin- und Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer (SNRI).

Nach dem heutigen Forschungsstand wird eine Depression auf biologischer Ebene durch einen Mangel der Neurotransmitter Serotonin, Noradrenalin und Dopamin hervorgerufen.
Die Ausschüttung von Serotonin im Gehirn hat eine angstlösende Wirkung. Noradrenalin bewirkt eine Steigerung des Antriebs. Liegt nun ein Mangel einer oder beider Botenstoffe vor, so hat dies ein depressiv-ängstliches Verhalten mit gehemmter Psychomotorik zur Folge.

Milnacipran wirkt ausschließlich im synaptischen Spalt. Es bindet sich an die postsynaptischen Rezeptoren, die für die Wiederaufnahme der Botenstoffe Serotonin und Noradrenalin zuständig sind. Die beiden Neurotransmitter verbleiben somit länger im synaptischen Spalt und haben eine verstärkte Signalwirkung im Organismus.
Eine Auswirkung auf das dopaminerge System hat der Wirkstoff nicht.

Eine Besonderheit von Milnacipran ist, dass es die Wiederaufnahme von Serotonin in etwa genauso stark hemmt, wie die Wiederaufnahme von Noradrenalin. Andere SNRIs haben einen deutlich stärkeren Effekt auf Serotonin. So hemmt Venlafaxin beispielsweise den Serotonin-Rezeptor mit 30-facher Affinität verglichen mit dem Noradrenalin-Rezeptor.

 

Pharmakokinetik – Wirkungseintritt und -dauer

Resorption – Wirkstoffaufnahme
Mit 85% hat Milnacipran eine hohe Bioverfügbarkeit. Die maximale Konzentration im Blutspiegel wird ca zwei Stunden nach oraler Einnahme erreicht. Durch wiederholte Einnahme über mehrere Tage steigert sich die Plasmakonzentration des Wirkstoffs, weshalb Milnacipran seine volle Wirkung erst nach ein bis drei Wochen entfaltet.Distribution – Verteilung
Milnacipran bindet nur zu 13% an Plasmaproteine und hat somit eine recht gute Verteilungsrate.Metabolismus – Verstoffwechselung
50% des Wirkstoffs passieren den Organismus unverändert. 30% wird glucoronidiert ausgeschieden, als Metabolit ohne klinische Relevanz. 20% des Arzneistoffs werden oxidiert.
Milnacipran kann auch bei Patienten mit eingeschränkter Leberfunktion in normaler Dosis angewandt werden.Elimination – Ausscheidung
Die Ausscheidung erfolgt zu 90% renal. Daher muss bei Patienten mit einer Niereninsuffizienz die Medikamentendosis angepasst werden.
Milnacipran hat eine Halbwertszeit von acht Stunden.

Dosierung

Die empfohlene Dosierung zur Behandlung einer Major Depression beträgt 50 mg zweimal täglich.
Für die Behandlung von Fibromyalgie werden Dosierungen bis zu 200 mg täglich eingesetzt.

 

Nebenwirkungen

Folgende Nebenwirkungen können bei Einnahme von Milnacipran auftreten:
  • Kopfschmerzen
  • Übelkeit
  • Verstärkung von suizidalen Gedanken oder Handlungen
Die Wirkung von Milnacipran kann mit einer Verzögerung von ein bis drei Wochen erfolgen. Zu Beginn der Behandlung kommt es nicht selten zu einer Verschlimmerung der Symptomatik. Insbesondere kann es zum Auftreten oder zu einer Verstärkung von suizidalen Gedanken, Absichten, Plänen und Handlungen kommen.
Der anfängliche Behandlungsverlauf mit Milnacipran sollte unter diesem Gesichtspunkt besonders engmaschig begleitet werden.In wenigen Fällen hat die Einnahme von Milnacipran psychotische Symptome hervorgerufen und eine manische Episode ausgelöst.

Wechselwirkungen

Aufgrund seines Wirkmechanismus tritt der Wirkstoff Milnacipran mit allen Medikamenten in Wechselwirkung, die ihrerseits Auswirkungen auf das Serotonin- beziehungsweise das noradrenalinerge System haben.
Darunter fallen insbesondere:
  • Irreversible MAO-Hemmer
  • Nichtsteroidale Antirheumatika (NSAR), z.B. Acetylsalicylsäure oder Ibuprofen
  • Adrenalin

Bei der Kombination verschiedener Wirkstoffe, die das Serotonin-System beeinflussen, kann es zur Ausbildung des sogenannten Serotonin-Syndroms kommen. Dieses tritt auf, wenn der Serotoninspiegel im Organismus zu hoch ist und kann je nach Ausprägung zu einer leichten Verwirrtheit bis hin zum Koma führen.

Die Kombination verschiedener Antidepressiva kann daher sehr gefährlich sein und darf stets nur nach ärztlichen Anweisungen erfolgen.

Keine Wechselwirkung besteht mit Lithiumsalzen und Benzodiazepinen, weshalb sich Milnacipran für eine kombinierte Therapie, z.B. in der Augmentationsstrategie, anbietet.

 

Kontraindikationen

Die Anwendung von Milnacipran ist ausgeschlossen

  • bei gleichzeitiger Einnahme von irreversiblen MAO-Hemmern,
  • während der Stillzeit,
  • bei schweren, koronalen Herzerkrankungen und
  • bei unkontrollierter Hypertonie.

 

Milnacipran absetzen

Bei einem abrupten Absetzen von Milnacipran kann es im Rahmen des SSRI/SNRI-Absetzsyndroms zu Entzugserscheinungen kommen. Diese äußern sich durch Symptome, wie

  • Kreislaufstörungen
  • Schwindelanfälle
  • Gleichgewichtsstörungen
  • Empfindungsstörungen, wie Höhenangst oder das Gefühl leichter Stromschläge
  • Tinnitus
  • Affektive Verhaltensstörungen, z.B. Stimmungsschwankungen, manische oder depressive Episode
  • (Verstärkte) Suizidalität, suizidale Gedanken oder Handlungen
  • Motorische Störungen, z.B. Muskelzittern, Schwitzen, Muskelzuckungen, Tics, Tremor, eingeschränkte Beweglichkeit
  • Schlafstörungen, insbesondere lebhafte Träume oder auch Albträume
  • extreme Müdigkeitsanfälle
  • Verdauungsstörungen
  • Schmerzzustände
  • Fieberartige Zustände

Aufgrund der Gefahr ein Absetzsyndrom zu entwickeln, muss die Einnahme von Milnacipran unbedingt langsam ausgeschlichen werden.

In bestimmten Fällen kann es ratsam sein das Absetzen von Milnacipran mit dem Einsatz anderer Medikamente, z.B. Fluoxetin, zu unterstützen. Dadurch können die Absetzerscheinungen verringert oder unterbunden werden.

Bei einer längerfristigen Einnahme von Milnacipran dauert es zwei bis drei Tage nach letztmaliger Einnahme ehe der Wirkstoff gänzlich aus dem Organismus ausgeschieden ist. Entzugserscheinungen können somit mit einer gewissen Verzögerung auftreten.

Erfahrungen mit der Einnahme von Milnacipran

Beruhend auf den Ergebnissen der Metastudie von 2008 lässt sich festhalten, dass die Anwender von Milnacipran im Vergleich zu denen anderer Antidepressiva weniger unter den Nebenwirkungen leiden und die Behandlung seltener abbrechen. Milnacipran scheint somit geringfügig besser verträglich zu sein.

Jeder Organismus reagiert jedoch individuell auf medizinische Wirkstoffe. Die Auswahl eines bestimmten Medikaments hängt stets von verschiedenen Faktoren ab, die nur ein ausgebildeter Facharzt miteinander abwägen kann. Konkrete Erfahrungen mit einem bestimmten Medikament lassen sich deswegen nur schwer miteinander vergleichen.

Quellen: