Lithium

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Lithium ist ein natürlich vorkommendes Element und zählt zu der Gruppe der Alkalimetalle.

Lithiumsalze – allen voran Lithiumcarbonat – werden bereits seit dem 19. Jahrhundert zum pharmazeutischen Gebrauch eingesetzt. Bei der Behandlung bipolarer Störungen gelten sie auch heute noch als Mittel erster Wahl. Neueste Forschungen legen nahe, dass sich das Anwendungsspektrum von Lithium zukünftig ausweiten wird, beispielsweise zur Therapie von Demenz.

Lithiumsalze zum psychopharmakologischen Gebrauch sind in Deutschland unter folgenden Handelsnamen bekannt:

  • Hypnorex
  • Lithiofor
  • Quilonum / Quilonum retard
  • Quilonorm

 

1. Anwendungsgebiete

Lithium ist als Medikament für die Behandlung folgender Krankheitsbilder zugelassen:

  • Manische Episode – Zur akuten Behandlung mit oder ohne psychotischer Symptomatik
  • Bipolare affektive Störung – Zur Akutbehandlung und als Langzeitprophylaxe
  • Depressive Episode – Als Augmentationsstrategie, um den Wirkstoff von Antidepressiva zu verstärken
  • Rezidivierende depressive Störung – Als Langzeitprophylaxe und zur Suizidprävention
  • Clusterkopfschmerz – Zur prophylaktischen Behandlung als Mittel zweiter Wahl

Zur prophylaktischen Anwendung bei bipolaren Störungen wird Lithium als Mittel erster Wahl eingesetzt und hat als einziges Medikament die Empfehlung A in der deutschen Leitlinie erhalten.

Die Augmentationsstrategie bei unipolaren Depressionen findet hingegen noch relativ selten Anwendung, obwohl auch sie in den aktuellen Leitlinien empfohlen wird.

Lithium ist bisher das einzige Medikament, dem signifikant eine antisuizidale Wirksamkeit nachgewiesen werden konnte, weshalb eine Anwendung auch bei Hochrisikopatienten infrage kommt.

 

2. Historische Entwicklung

Bereits Ende des 19. Jahrhunderts wurde Lithium als Psychopharmakon zur Behandlung von depressiven Patienten eingesetzt. Damit ist es nach Alkohol und Opium das älteste Medikament innerhalb der Psychiatrie.

In den vierziger Jahren kam es in den USA zu einer unkontrollierten Anwendung, als man versuchte Lithiumchlorid als Kochsalzersatz für Menschen mit Bluthochdruck anzubieten. Aufgrund der toxischen Mengen kam es in der Bevölkerung zu mehreren Todesfällen. Lithium geriet daraufhin für viele Jahre in Verruf, vor allem im nordamerikanischen Raum.

In Australien hingegen entdeckte 1947 der Psychiater John Cade die beruhigende Wirkung von Lithiumsalzen auf manische und psychotische Patienten.
1967 führte der dänische Psychiater Mogens Schou mit seinen Kollegen zum Nachweis der Wirksamkeit von Lithium als Phasenprophylaxe die erste randomisierte, doppeltblinde Studie in der Geschichte der Psychiatrie durch.

1988 wurde die International Group for the Study of Lithium Treated Patients (IGSLI) gegründet, welche bis heute Studien zur Wirksamkeit, Wirkmechanismus und Anwendungsgebieten von Lithiumsalzen durchführt.

 

3. Pharmakodynamik – Wirkung von Lithium

Der Auswirkungen von Lithium im menschlichen Organismus sind hochkomplex und lassen sich auf verschiedenen Ebenen und in mehreren neurochemischen Systemen betrachten:

Hirnstrukturen

Bei einer Langzeittherapie mit Lithium wird vermutlich das Volumen bestimmter Hirnstrukturen, z.B. dem Hippocampus, vergrößert beziehungsweise vor Degeneration geschützt.

Neurotransmitter

Lithium hat Auswirkungen auf die körpereigenen Neurotransmitter und beeinflusst somit die “Kommunikation” des Nervensystems. Es hemmt die Ausschüttung von Dopamin, gleichzeitig regt es die Serotoninproduktion im Körper an.

Ionenkanäle

Die resorbierten Lithium-Ionen werden im Körper ähnlich behandelt wie Natrium-Ionen, welche eine wichtige Rolle bei der Reizweiterleitung im Gehirn spielen. Allerdings haben die Lithium-Ionen andere Eigenschaften: Sie diffundieren schneller als Natrium in das Innere der Zelle, können aber nicht so leicht wieder hinaustransportiert werden. Dadurch reichert sich Lithium in der Zelle an; ein Prozess, der bei der Verstoffwechselung in den Nieren eine große Rolle spielt.

Enzymatik

Lithium hemmt die sogenannten Glykogensynthase-Kinase 3. Hierdurch wird der Glykogenaufbau innerhalb der Zelle verstärkt, mit dem der Körper seine Energiespeicher auffüllt.

Das Zusammenwirken dieser einzelnen Wirkmechanismen ist bis heute nicht abschließend geklärt.

 

4. Pharmakokinetik – Wirkungseintritt und -dauer

Resorption – Wirkstoffaufnahme

Die Resorptionsdauer variiert je nach verwendetem Präparat und individuellen Voraussetzungen. Sie beträgt zwischen 30 Minuten und sechs Stunden.

Distribution – Verteilung

Lithium-Ionen haben im Körper fast die gleiche Verteilungsrate wie Wasser, verteilen sich also sehr großflächig. Sie binden sich nicht an Plasmaproteine, passieren die Blut-Hirn-Schranke im Gegensatz zu den meisten Neuroleptika aber nur langsam.

Metabolismus – Verstoffwechselung

Es findet keine Verstoffwechselung statt. Lithium wird unverändert wieder ausgeschieden.

Elimination – Ausscheidung

Lithium wird ausschließlich über die Nieren ausgeschieden. Die Halbwertszeit beträgt durchschnittlich 22 Stunden, variiert aber stark nach Alter und Gesundheitszustand.

 

5. Dosierung

Die Dosierung von Lithium ist individuell abhängig von der glomerulären Filtrationsrate: Je geringer die Nierenaktivität, desto länger bleibt das Lithium im Körper. Hinzu kommt, dass Lithium eine geringe therapeutische Breite hat. Das heißt, die Konzentration, bei der eine Wirkung erzielt wird ohne toxische Nebenwirkungen auszulösen, kann nur geringfügig variiert werden.

Um eine Überdosis zu vermeiden, ist deswegen von einer Selbsttherapie mit Lithium dringend abzuraten. Die Dosierung muss medizinisch gut überwacht und der Lithiumblutspiegel regelmäßig ausgewertet werden.

 

6. Nebenwirkungen

Folgende unerwünschten Nebenwirkungen kann die Einnahme von Lithium nach sich ziehen:

  • Tremor (Muskelzittern)
  • Erhöhte Harnausscheidung in Verbindung mit vermehrtem Durst (Polyurie und Polydipsie)
  • Schilddrüsenunterfunktion
  • Gewichtszunahme

Viele der genannten Nebenwirkungen treten nur zu Beginn der Lithiumtherapie auf und klingen mit der Zeit wieder ab, bzw. lassen sich durch Anpassung der Dosierung gut regulieren.

Lange Zeit stand Lithium im Verdacht die Nierenfunktion zu beeinträchtigen. Neue Forschungen legen allerdings nahe, dass das Risiko für ein Nierenversagen entgegen bisheriger Annahmen extrem niedrig ist.
Bei einer langfristigen Lithiummedikation von 15 Jahren und länger hingegen steigt das Risiko einer chronischen Niereninsuffizienz auf bis zu 1%.

 

7. Wechselwirkungen

Der Serumlithiumspiegel hängt von zwei Faktoren ab: der glomerulären Filtrationsrate – also der aktuellen Nierenaktivität – und der proximal-tubulären Rückresorption. Zweiteres meint die Wiederaufnahme von Stoffen in den Körper aus dem Primärharn.

Lithium konkurriert in der tubulären Rückresorption mit Natrium, da die Niere beide Ionen gleich behandelt. Das heißt, bei einer erhöhten Natriumkonzentration im Körper wird weniger Lithium rückresorbiert – der Serumlithiumspiegel ist niedriger. Ist die Natriumkonzentration im Blut hingegen gering, so wird mehr Lithium rückresorbiert und der Serumlithiumspiegel ist höher.

Demnach steht Lithium mit allen Medikamenten in Wechselwirkung, die ihrerseits Auswirkungen auf die beiden obigen Faktoren haben oder aber die Natriumkonzentration im Körper beeinflussen.

Einige wenige Beispiele für Medikamente in Wechselwirkung sind die Folgenden:

  • Diuretika
  • Nichtsteroidale Antirheumatika (NSAR), z.B. Ibuprofen oder Diclofenac
  • ACE-Hemmer (z.B. Captopril)

Diese Liste ist nicht vollständig. Bei Einnahme von Lithium und weiterer Medikamente muss unbedingt ein Mediziner hinzugezogen werden.

 

8. Kontraindikationen

Eine Behandlung mit Lithium ist kontraindiziert, wenn

  • akutes Nierenversagen
  • eine schwere Herzinsuffizienz
  • ein akuter Herzinfarkt oder
  • eine Hyponatriämie

vorliegt.

Bis vor kurzem galt die Lithiumtherapie auch während der Schwangerschaft als kontraindiziert. Grund dafür waren vermehrt auftretende Fehlbildungen in den 70er Jahren, die man damals der Behandlung mit Lithium zu schrieb.
Eine groß angelegte Kohortenstudie von 2018 (Munk-Olsen et.al.) bewertete das Risiko für Fehlbildungen allerdings neu.
Die aktuellen Leitlinien empfehlen den Einsatz von Lithium während der Schwangerschaft unter Berücksichtigung einer Dosierungsanpassung mit den individuellen Erkrankungsrisiken (beispielsweise dem Suizidrisiko) abzuwägen und die (Weiter-)Behandlung nicht von vornherein auszuschließen.

 

9. Lithium absetzen

Bei Beendigung der Lithiumtherapie wird ein langsames Ausschleichen der Medikation empfohlen. Wird das Medikament abrupt abgesetzt, kann es zu Rückfällen im Krankheitsverlauf verbunden mit Krankenhausaufenthalten und zu einem erhöhten Suizidrisiko kommen.

Auch bei Patienten, die auf die phasenprophylaktische Wirkung von Lithium nicht ansprechen, sogenannten Non-Respondern, sollte das Medikament vorsichtig abgesetzt werden. Die antisuizidale Wirkung von Lithium steht nämlich nachgewiesenermaßen nicht in Zusammenhang mit der phasenprophylaktischen.

 

10. Erfahrungen mit der Einnahme von Lithium

Patienten mit bipolaren affektive Störungen, die von der phasenprophylaktischen Wirkung des Lithiums profitieren, beschreiben oftmals einen positiven Umgang mit der Medikation. Die Nebenwirkungen werden gemeinhin als weniger störend empfunden als die von den alternativ verwendeten Neuroleptika.

Diese Beobachtungen aus der Praxis können jedoch keine individuelle Einschätzung ersetzen. Die Wahl einer passenden Medikation hängt von vielen Faktoren ab und obliegt einem Facharzt. Jeder Organismus reagiert individuell, wodurch Erfahrungen mit einem bestimmten Medikament immer stark variieren. Dies gilt insbesondere für einen hochkomplexen Wirkstoff wie Lithium.

 

Quellen