Hydroxyzin (Atarax)

Hydroxyzin ist ein Wirkstoff, der gemäß § 1 i. V. m. Anlage 1 Arzneimittelverschreibungsverordnung nur nach ärztlicher Verordnung und in verschreibungspflichtigen Medikamenten an Patienten verabreicht werden darf.

Das Original-Medikament mit Hydroxyzin heißt Atarax und wird vom Hersteller als Medikament gegen allergische Reaktionen mit beruhigenden Eigenschaften beschrieben.

Hydroxyzin wird heute in folgenden Indikationen angewendet:

  • Symptomatische Therapie von Angstzuständen bei psychischen und körperlichen Erkrankungen
  • Behandlung emotional bedingter Erregungs- und Spannungszustände nicht-psychotischer Natur
  • Therapie von Ein- und Durchschlafstörungen, die keine Folgeerscheinung behandlungsbedürftiger Grunderkrankungen sind
  • Symptomatische Behandlung schwerer allergischer Erkrankungen wie Juckreiz bei Nesselsucht (Urtikaria) und Ekzemen bei Neurodermitis
  • Als angstlösende Prämedikation zur Ruhigstellung vor chirurgischen Eingriffen

Hydroxyzin kann auch bei Hauterkrankungen verordnet werden, die starken Juckreiz verursachen, wenn der gleichzeitig “mitgelieferte” stark sedierende, psychotrope Effekt erwünscht ist oder geduldet wird.

In klinischen Studien hat Hydroxyzin bereits 1959 eine ausgeprägt ordnende Wirkung auf durch psychische Störungen gestörte Denkmuster bewiesen. Heute wird Hydroxyzin als Zweitlinientherapie bei Generalisierter Angststörung in Erwägung gezogen. Die Wirksamkeit konnte in einigen kontrollierten Studien gezeigt werden; Rückfallverhinderungsstudien über Zeiträume von 6 – 12 Monaten fehlen allerdings noch.

 

Kurze Geschichte von Hydroxyzin

Das Original-Medikament mit dem Wirkstoff Hydroxyzin wurde vom belgischen Pharma-Unternehmen UCB entwickelt, das 1928 als Union Chimique Belge in der belgischen Hauptstadt Brüssel gründet wurde. Diese Union produzierte lange schwerpunktmäßig Industriechemikalien, gründete jedoch im Aufwind der wissenschaftlichen Entwicklungen nach dem Zweiten Weltkrieg 1952 ein pharmazeutisches Forschungszentrum.

Das konnte bald eine Reihe von Durchbrüchen verzeichnen, zu denen auch die Entwicklung eines der ersten Tranquilizer der Welt gehörte: Dem Benzodiazepin-freien Beruhigungsmittel Atarax mit dem Wirkstoff Hydroxyzin. Die chemisch heterogene Gruppe der Tranquilizer-Psychopharmaka, die zugleich angstlösend und beruhigend wirken, wird noch heute auch mit dem vom Namen Atarax abgeleiteten Synonym “Ataraktika” bezeichnet. Die erst später entdeckte Wirkung als Antihistaminikum schließt den geschichtlichen Bogen zu den modernen Anwendungsausweitungen von Hydroxyzin: Antihistaminika gelten als wichtige Vorläufer der Neuroleptika und der Antidepressiva.

Die UCB Pharma vergab die US-Vertriebslizenz für Atarax noch im letzten Jahrhundert an den US-Pharmakonzern Pfizer und half dem damals noch kleinen US-Unternehmen dadurch beim Aufstieg zum Pharmariesen. UCB Pharma ist inzwischen selbst ziemlich groß geworden, hat seinen Hauptsitz nach wie vor in Brüssel und arbeitet bis heute mit Pfizer zusammen. Für die Produktion von Atarax für den deutschen Markt ist die deutsche Tochter UCB Pharma GmbH in 40789 Monheim verantwortlich.

Da der Patentschutz für Atarax längst ausgelaufen ist, wird das Medikament inzwischen von 11 weiteren Herstellern angeboten.

 

Wirkung / Wirkstoff

Hydroxyzin hemmt diverse Botenstoffsysteme im Gehirn und im Körper: Die 1-Adrenozeptoren, die 5-HT2A-Rezeptoren, die Dopamin D1/D2-Rezeptoren und die Histamin H1-Rezeptoren.

Dadurch wirkt Hydroxyzin in hohem Maße angstlösend und beruhigend auf das Gefühlsleben und die Gedanken, aber auch sedierend.

Oben wurden bereits die klinischen Studien der 1950er Jahre erwähnt, in denen neben der stark angstlösenden Wirkung auch eine deutliche antipsychotische Wirkung und positive Wirkungen auf Denkstörungen und Zwangserkrankungen nachgewiesen wurden. Für diese Indikationen kam es aber nie zu einem Zulassungsantrag, weil zu dieser Zeit auch gerade die Neuroleptika in den Markt eingeführt wurden.

Weitere bewiesene Wirkungen von Hydroxyzin sind die Verminderung von Übelkeit und natürlich die ausgeprägte Linderung von Juckreiz, die auf Unterdrückung der Histamin-Wirkung durch Blockade der Histamin-H1-Rezeptoren zurückgeht.

Durch diese Blockade wird zugleich im Gehirn die anregende Wirkung des Histamins unterdrückt, wodurch sich die beruhigenden Eigenschaften des Wirkstoffs erklären lassen.

 

Wirkungseintritt

Bei einem systemisch und in mehrere Richtungen wirkenden Arzneistoff wie Hydroxyzin hängt die Wirkung sehr von der ausgebrachten Dosierung ab. Auf der anderen Seite wird die Dosierung maßgeblich vom Anwendungszweck und dem individuellen Befinden des Patienten beeinflusst, so dass der Patient im Gespräch mit dem Arzt erheblichen Einfluss auf den Wirkungseintritt nimmt. Allgemeine Ausführungen zum Eintritt der Wirkung bei Anwendung im Bereich von Depressionen und bei Angststörungen sind daher unangebracht, weil sie unseriös wären. Wenn ein Arzt Hydroxyzin in diesen Anwendungsgebieten verordnet, verfügt er über Erfahrungen mit dem Einsatz dieser Substanz und kann Fragen zum Wirkungseintritt beantworten.

Wenn Hydroxyzin zur Linderung allergischer Symptome verordnet wird, sieht es anders aus: Bekannt ist, dass Hydroxyzin durch die Enzyme Alkohol-Dehydrogenase und CYP3A4/5 größtenteils zu Cetirizin verstoffwechselt wird. Dieses Cetirizin lindert die allergischen Symptome, indem es die Histamin-Wirkungen durch Blockade des Histamin-H1-Rezeptors unterbindet. Cetirizin wirkt sehr schnell, zehn bis 30 Minuten nach der Einnahme, weil es rasch und fast vollständig über den Dünndarm aufgenommen wird. Die Wirkung hält bis zu 24 Stunden an, bis der (nicht verbrauchte) Wirkstoff vor allem über die Nieren ausgeschieden wird.

 

Nebenwirkungen

Wie alle Arzneimittel kann auch Hydroxyzin Nebenwirkungen verursachen, die aber nicht bei jedem Patienten auftreten.

Zu den häufigeren Nebenwirkungen, die bei mindestens 1 von 1.000 behandelten Patienten auftreten, gehören:

  • Appetitsteigerung oder Appetitlosigkeit
  • Benommenheit, Kopfschmerzen, Konzentrationsstörungen, Mundtrockenheit, Müdigkeit, Schläfrigkeit, Schwindel
  • Erhöhung des Augeninnendrucks, verschwommenes Sehen
  • Leberfunktionsstörungen
  • Magen-Darm-Beschwerden wie Bauchschmerzen, Erbrechen, Durchfall, Übelkeit, Verstopfung
  • Paradoxe Reaktionen wie Alpträume, Erregung, Gefühl verstopfter Nase, Halluzinationen, Schlaflosigkeit, Spannungsgefühl, Unruhe, Verwirrtheit, Zittern
  • Pulsbeschleunigung
  • Störungen beim Wasserlassen
  • Überempfindlichkeitsreaktionen der Haut

Sollten Herzrhythmusstörungen wie Herzklopfen, Atemschwierigkeiten oder Bewusstlosigkeit auftreten, soll die Behandlung beendet werden, der Patient sollte sich umgehend in ärztliche Behandlung begeben.

Gerade bei systemisch wirkenden Substanzen wie Hydroxyzin gilt jedoch auch, dass sich Häufigkeit und Ausmaß der Nebenwirkungen durch eine sorgfältige und individuelle Einstellung der Dosierung weitgehend reduzieren lassen.

Deshalb sollte die Gebrauchsinformation (der Beipackzettel) immer gründlich studiert werden, was heute vor Verschreibung des Medikaments möglich ist – hier der Link zu der beim Deutschen Institut für Medizinische Dokumentation und Information hinterlegten Gebrauchsinformation: portal.dimdi.de/amispb/doc/2017/03/07/2107081/O6b2e497e7aff44dd95b73c2398ada2d3.pdf. Fast jeder Patient weiß, wo seine eventuellen Schwächen liegen, und kann sich vom Arzt beraten lassen, wenn in dieser Richtung Nebenwirkungen zu befürchten sind.

 

Gegenanzeigen

Wenn gerade Medikamente zur Behandlung folgender Erkrankungen eingenommen werden, darf Hydroxyzin nicht genommen werden:

  • Allergien
  • Arzneimittelmissbrauch
  • Bakterielle Infektionen
  • Bluthochdruck
  • Depressionen
  • Herzerkrankungen
  • Krebs
  • Magen-Darm-Erkrankungen
  • Malaria
  • Pilzinfektionen
  • Psychosen
  • Starke Schmerzen

 

Wechselwirkungen

Hydroxyzin kann mit sehr vielen Medikamenten in Wechselwirkung treten, hier ein Überblick:

  • Atropin und andere Substanzen mit anticholinergen Wirkungen
  • Biperiden zur Behandlung der Parkinsonschen Krankheit
  • Cimetidin gegen Magen-Darm-Geschwüre
  • Medikamente, die über CYP 2D6-Enzyme abgebaut werden
  • Medikamente, die eine stark hemmende Wirkung auf bestimmte Leberenzyme haben
  • Medikamente, die einen unregelmäßigen Herzschlag auslösen können
  • Medikamente gegen hohen Blutdruck
  • Monoaminoxidase-Hemmer zur Behandlung von Depressionen
  • Phenytoin und andere Mittel zur Behandlung von Anfallsleiden
  • Trizyklische Antidepressiva
  • Zentral wirkende Arzneimittel wie Narkosemittel, Psychopharmaka, Schlafmittel und Schmerzmittel

Da laufend neue Wechselwirkungen entdeckt und erforscht werden, sollte der Patient seinem Arzt bei der Verschreibung eines neuen Medikaments immer alle Medikamente nennen, die er gerade einnimmt oder bis vor kurzer Zeit eingenommen hat (inklusive nicht verschreibungspflichtiger Medikamente).

 

Dosierung

Die Dosierung von Hydroxyzin bzw. dem entsprechenden Arzneimittel muss immer vom behandelnden Arzt bestimmt werden, weil die richtige Dosis auf das Indikationsgebiet, die Schwere der Erkrankung und die individuelle Reaktionslage des Patienten abgestimmt werden muss.

Vom Hersteller von Atarax werden folgende empfohlene Dosierungen für Erwachsene angegeben, falls der Arzt nicht anderes verordnet:

  • Bei symptomatischer Behandlung von Angst- und Spannungszuständen 3mal täglich 37,5 bis 75 mg Hydroxyzindihydrochlorid (3x 0,5 bis 3x 1 Atarax Tablette)
  • Bei Therapie psychogen bedingter Schlafstörungen 37,5 bis 75 mg Hydroxyzindihydrochlorid (1,5 bis 3 Atarax Tabletten), einzunehmen abends vor dem Schlafengehen.
  • Für symptomatische Behandlung von Juckreiz bei Urtikaria) oder Ekzemen bei Neurodermitis 3mal täglich 37,5 bis 75 mg Hydroxyzindihydrochlorid (3x 0,5 bis 3x 1 Atarax Tablette)
  • Zur Ruhigstellung vor chirurgischen Eingriffen 50 mg Hydroxyzindihydrochlorid (1x 2 Atarax Tabletten)

Für ältere Patienten sollte die tägliche Höchstdosis auf 50 mg beschränkt werden, für Kinder und Jugendliche wird in der Gebrauchsinformation ein altersabhängiges Dosierungs-Schema überliefert. Empfohlen wird vom Hersteller weiter, immer die niedrigste wirksame Dosis einzunehmen.

 

Hydroxyzin absetzen

Die Dauer der Anwendung von Hydroxyzin muss ebenfalls ausschließlich vom behandelnden Arzt bestimmt werden, da sie wie die Dosierung ganz individuell auf das Indikationsgebiet, die Schwere der Erkrankung und die individuelle Reaktionslage des Patienten abzustimmen ist.

Vom Atarax-Hersteller wird empfohlen, die Behandlungsdauer so kurz wie möglich zu halten.

 

Erfahrungen mit Hydroxyzin / Atarax

Heute ist es üblich, sich vor Medikamenten-Einnahmen im Internet über die Erfahrungen anderer Patienten mit diesem Medikament zu erkundigen; das Gesundheitsportal Sanego ist das größte deutsche Portal zur Sammlung solcher Erfahrungsberichte.

Obwohl auf sanego.de über 85.000 Erfahrungsberichte zur Einnahme von Medikamenten verfügbar sind, ist zum alten und offensichtlich nicht mehr in Mengen verschriebenen Atarax gerade mal ein einziger Erfahrungsbericht verfügbar (bei dem das Medikament allerdings hervorragend abschneidet: https://www.sanego.de/Medikamente/Atarax).

Wer dieses alte Medikament interessant findet, müsste sich daher einen Arzt mit langer Erfahrung suchen, der aus der Praxis über die Wirkungen von Hydroxyzin berichten kann.