Die 8 größten Irrtümer über Depressionen

1. Eine Depression ist keine Krankheit

Ein überaus gefährlicher Irrtum, der im kollektiven Bewusstsein immer noch fest verankert scheint! Tatsächlich ist eine Depression eine schwere Erkrankung (mit „realer“ biochemischer Grundlage und körperlichen Folgen), die die Lebensqualität und Leistungsfähigkeit der Patienten erheblich und dauerhaft einschränken, sowie bis zum Tode führen kann. Man darf keinesfalls den Fehler machen, von den „normalen“ seelischen Höhen und Tiefen, die jeder durchmacht und die meist schnell wieder verschwinden auf den Leidensdruck der Betroffenen zu schließen. Die Idee, dass man sich „nur zusammenreißen muss“ ist grundfalsch und hat noch keinem Depressiven geholfen.

2. Nur Frauen werden depressiv

Statistisch gesehen erkranken Männer ebenso häufig an Depressionen, wie Frauen. Es mag (trotz aller Aufklärungsarbeit) immer noch dem unterschiedlichen Erziehungsstil geschuldet sein, dass Männer größere Schwierigkeiten haben, sich die angebliche „Schwäche“ einzugestehen. Insofern ist es tatsächlich so, dass Männer über einen längeren Zeitraum hinweg bemüht sind, die Symptome zu kompensieren oder zu kaschieren. Ärztliche Hilfe nehmen sie erst vergleichsweise spät in Anspruch, was die Behandlungsmöglichkeiten verringern kann. Es ist wichtig, dass mit Hilfe von Informationen und einer offenen Kommunikationskultur weitere Hilfestellungen geleistet werden, die es Männern wie Frauen ermöglichen, ohne Scham über ihr Leiden zu sprechen.

3. Eine Depression ist Folge einer Charakterschwäche

„Reiß Dich doch einfach zusammen“ ist ein Spruch, den Depressive in unserer Gesellschaft vermutlich nicht selten zu hören bekommen. Eine Depression entwickelt sich aber nachgewiesenermaßen nicht aus irgendeiner übertriebenen Sensibilität oder aus fehlender Selbstkontrolle. Es handelt sich um eine Erkrankung mit einer Vielzahl von umweltbedingten, genetischen und biochemischen Ursachen, die Menschen jeder Gesellschaftsschicht treffen kann. In manchen Fällen tritt sie zunächst in maskierter Form auf und äußert sich dann möglicherweise eher in Aggressivität, einer Burn-Out-Symptomatik oder einer sogenannten agitierten Depression. Letztere präsentiert sich dann in Form einer Hyperaktivität: Betroffenen bemühen sich, Phasen der Reflexion möglichst zu vermeiden.

4. Depressionen sind nicht heilbar

Die Behandlung einer Depression kann in Einzelfällen langwierig sein und erfordert viel Selbstbeobachtung, damit „ungesunde“ Mechanismen der Stressverarbeitung im Alltag erkannt und „abtrainiert“ werden können. Dennoch handelt es sich bei den meisten Formen der Depression durchaus um sehr gut behandelbare und auch heilbare Erkrankungen. Therapiert wird eine Depression üblicherweise mit einem „multimodalen Ansatz“ der eine medikamentöse Therapie mit einer psychotherapeutischen Begleitung verbindet. Diese Behandlungsmethode erzielt insbesondere dann sehr gute Erfolge, wenn sie rechtzeitig eingeleitet wird. In manchen Fällen kann auch ein Aufenthalt in einer psychosomatischen Klinik eine große erste Hilfestellung bieten, da den Patienten dadurch die Möglichkeit eingeräumt wird zu „entschleunigen“ und ihren Alltagsstress für eine Weile hinter sich zu lassen.

5. Kinder bekommen keine Depressionen

Studien haben gezeigt, dass auch schon Kinder und Jugendliche an Depressionen erkranken können. Oft versteckt sich die typische anhaltende Traurigkeit hier aber zunächst hinter anderen Symptomen, wie Angstzuständen, Aggressivität oder Konzentrationsproblemen. Darüber hinaus können Depressionen im Kindesalter auch auf zugrundeliegende Lernstörungen oder Störungen der sozialen Interaktion hinweisen, die durch andauernde Frustration zu mentalen Problemen führen können. Vorübergehende Stimmungsschwankungen sind unabhängig von der Altersgruppe nichts Ungewöhnliches. Aber (ganz gleich, ob es sich um Kinder, Jugendliche oder Erwachsene handelt): wenn solche Schwierigkeiten länger als 14 Tage andauern, sollte ärztlicher Rat eingeholt werden.

6. Antidepressiva machen abhängig

Das stimmt heute nicht mehr, da in den letzten Jahrzehnten viele Präparate auf den Markt gekommen sind, die die früher übliche Langzeitbehandlung mit abhängig machenden Benzodiazepinen (Schlaf- und Beruhigungsmittel) obsolet gemacht haben. Die heute üblicherweise eingesetzten trizyklischen Antidepressiva oder die sogenannten Wiederaufnahmehemmer, die die Spiegel bestimmter Botenstoffe im Gehirn auf erhöhen, führen in der Regel auch bei längerfristiger Einnahme nicht zu einer Sucht. Allerdings ist eine gewisse vorübergehende Absetzsymptomatik bei zu schnellem Weglassen der Medikamente möglich, Antidepressiva sollten deshalb immer „ein- und ausgeschlichen“ werden (das heißt: langsame Dosissteigerung bei Beginn der Einnahme und schrittweise Senkung der eingenommenen Menge bei Abschluss der Behandlung).

7. Eine Depression ist rein psychisch

Ja und nein! Letztlich stehen alle im Körper ablaufenden sogenannten „psychischen“ Prozesse mit Veränderungen im Stoffwechsel des Gehirnes in Verbindung. Insofern ist eine Unterscheidung der Form „rein körperlich“ vs. „rein psychisch“ eigentlich unsinnig. Darüber hinaus gibt es familiäre Prädispositionen für die Entwicklung von Depressionen, die eine Beteiligung von genetischen Faktoren nahelegen. Aktuelle Studien haben auch zeigen können, dass sich Strukturen des Gehirns im Rahmen einer depressiven Erkrankung verändern. Diese Veränderungen können durch Psychotherapie in Verbindung mit einer medikamentösen Behandlung rückgängig gemacht werden.

8. Gut gemeinte Ratschläge helfen

„Gut gemeint“ ist manchmal das Gegenteil von gut . Die Gesellschaft muss dringend ein Bewusstsein dafür entwickeln, dass eine Depression – ebenso wie jede andere psychische Störung – eine „reale“ Erkrankung ist, für die man sich nicht schämen muss. Empathie von Freunden und Familienmitgliedern ist für den Heilungsprozess förderlich und teilweise überlebenswichtig. Wer einer an Depressionen erkrankten Person wirklich helfen möchte, der sollte vor allem Geduld und ein „offenes Ohr“ mitbringen, sich umfassend informieren und den Betroffenen auf seinem Weg begleiten. Verurteilungen, das Ausüben von Druck oder die Abwertung der Erkrankung bieten den Patienten keine Erleichterung.