Depressionen bei Kindern und Jugendlichen

Genetik und Resilienz

Auf Grund der jeweiligen genetischen Ausstattung und der frühkindlichen Bindungserfahrung verfügen Menschen über individuell ganz unterschiedliche Ausprägungen des Faktors „Resilienz“ (psychische Widerstandsfähigkeit). Ob und in welchem Alter Menschen Depressionen entwickeln, hängt also teilweise davon ab, ob sie familiär vorbelastet sind. Gleichzeitig kann aber eine Stabilität innerhalb der Kernfamilie einen deutlichen Nestschutz bieten, der einen Ausbruch der Erkrankung trotz angeborener „Neigung“ zu Depressionen auch noch bis ins Erwachsenenalter verhindern kann.

Checkliste: Depressionen bei Kindern und Jugendlichen erkennen

  • Stimmungsschwankungen
  • Ein- oder Durchschlafstörungen und Probleme mit der Konzentration
  • Deutlicher Leistungsabfall in der Schule
  • Häufiges Weinen oder Gefühle von Traurigkeit
  • Rückzugstendenzen: Begegnung mit Freunden wird zunehmend vermieden
  • Änderung der Essgewohnheiten (etwa mangelnder Appetit)
  • Schulverweigerung
  • Störungen des Sozialverhaltens durch Aggressionen
  • Geringes Selbstbewusstsein

Die genannten Symptome sind allesamt unspezifisch und können Teil einer (von selbst) vorübergehenden Stimmungsproblematik sein. Eltern müssen sich bewusst machen, dass es für die psychische Entwicklung von Kindern und Jugendlichen zwingend notwendig ist, dass sie lernen, Frust und Enttäuschung zu verarbeiten. Wut, Tränen oder Rückzugstendenzen können Teil einer vollkommen gesunden Reaktion sein. Falls die Symptomatik jedoch länger als 14 Tage andauert, besteht jedoch Handlungsbedarf. Ein sofortiges Einschreiten ist selbstverständlich nötig, wenn Kinder oder Jugendliche Selbsstötungsgedanken haben.

 

Atypische Präsentation
Somatisierungstendenzen

Depressionen existieren auch bei Kindern, jedoch sehen die Symptome hier manchmal anders aus als bei Erwachsenen. Die Ursache dafür liegt hauptsächlich darin, dass Kinder noch nicht gelernt haben, ihre seelischen Konflikte als solche wahrzunehmen und die Problematik entsprechend zu kommunizieren. Daher sind Depressionssymptome insbesondere bei Kindern sehr unspezifischer Natur und können sich beispielsweise in Form von Oberbauchschmerzen, Kopfschmerzen oder Appetitlosigkeit äußern. Dieser Prozess der „Umleitung“ psychischer Probleme auf die körperliche Ebene, wird als Somatisierung bezeichnet. Ebenso treten sogenannte maskierte Depressionen auf, die sich beispielsweise auch in Form von Aggressivität äußern können. Je nach Reifegrad und kommunikativer Kompetenz eines Kindes äußert sich eine depressive Verstimmung häufig aber auch exakt in der selben Form, wie bei Erwachsenen, also als wahrnehmbare Traurigkeit oder Fehlen von Motivation.

 

Die Pubertät als kritische Phase

Durch massive Veränderungen der Nervenbahnen im Gehirn sind Jugendliche anfällig für Stimmungsschwankungen. Eine Unterscheidung zwischen dem potenziell lebensbedrohlichen Krankheitsbild der „Depression“ und den „normalen“ Auswirkungen der Pubertät kann ein schwieriges Unterfangen sein und es ist wichtig, dass Eltern und Ärzte rechtzeitig eingreifen, ohne den Zustand der/des Jugendlichen unnötig zu pathologisieren. Eltern sollten beispielsweise dann aufmerksam werden, wenn die Jugendlichen sich über einen langen Zeitraum hinweg zurückziehen, ein deutlich erhöhtes Schlafbedürfnis zeigen, die Leistungen in der Schule erheblich nachlassen oder liebgewonnene Freizeitgewohnheiten plötzlich keine Attraktivität besitzen. Auch bei Jugendlichen können Aggressionsausbrüche Ausdruck depressiver Verstimmungen sein.

Depressionen gehören zu den häufigsten psychischen Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen. Laut der Stiftung Deutsche Depressionshilfe sind im Vorschulalter ca. 1% der Kinder und im Grundschulalter ca. 2% betroffen. Etwa 3-10% aller Jugendlichen zwischen 12 und 17 Jahren erkranken an einer Depression.

 

Exogene und endogene Depression

Ursächlich für die Entwicklung von Depressionen bei Kindern und Jugendlichen ist – ähnlich wie bei Erwachsenen – eine Kombination verschiedener exogener und endogener Faktoren. Dabei beschreiben die exogenen Faktoren die Einflüsse, die „von außen“ kommen und sich in Form von zu verarbeitenden traumatischen Erlebnissen (etwa: eigene körperliche Erkrankungen, Verlust von Familienmitgliedern, Mobbing in der Schule oder im Freundeskreis) präsentieren. Die endogenen Mechanismen, die eine Depression fördern, bzw. verursachen können sind ein Ungleichgewicht in der Zusammensetzung der hirneigenen Botenstoffe wie Serotonin, sowie die angesprochenen genetischen Vorbelastungen.

 

Frühes Auftreten der Erkrankung

Die Frage, ob man schon im Vorschulalter Depressionen diagnostizieren kann und sollte ist umstritten. Aktuelle Studien kommen allerdings zu dem Ergebnis, dass das Auftreten der Erkrankung in diesem Alter zwar selten ist, aber durchaus vorkommt. Bedenken muss man dabei jedoch, dass nicht jedes ungewöhnlich ängstliche oder traurige Verhalten gleich eine Depression ist. Die Anzahl an Differentialdiagnosen ist im Kindes- und Jugendalter auch noch relativ groß. Bisher nicht diagnostizierte Lernstörungen oder auch Hochbegabungen können beispielsweise depressive Verstimmungen auslösen, wenn ein Kind konstant über- oder unterfordert ist. Bei Teenagern kommen durch die hormonellen Veränderungen oder die Veränderung des Körperbildes möglicherweise Essstörungen oder soziale Ängste hinzu, die ebenfalls häufig mit Depressionen einhergehen.

 

Mögliche Differentialdiagnosen/Komorbiditäten bei Depressionen im Kindes- und Jugendalter

 

  • Lern- und Leistungsstörungen
  • Störungen des Sozialverhaltens (Formen des Autismus)
  • ADS/ADHS
  • depressive Verstimmung als Folge schulischer Unter- oder Überforderung
  • Störungen des Körperbildes (insbesondere im Jugendalter)
  • Borderline-Persönlichkeitsstörung (Jugendalter)
  • Generalisierte Angststörung (häufig in Komorbidität mit Depressionen)

 

Therapieansätze

Eine Depression ist eine ernstzunehmende aber relativ gut therapiebare Erkrankung. Ebenso wie im Erwachsenenalter wird bei Kindern und Jugendlichen auf einen multimodalen Therapieansatz zurückgegriffen, der sich durch eine Kombination aus gesprächstherapeutischen Maßnahmen und medikamentöser Hilfe auszeichnet. Der Einsatz von Antidepressiva ist bei Kindern und Jugendlichen selbstverständlich noch kritischer zu betrachten als bei Erwachsenen, da die Folgen eines Eingriffes in das prekäre Gleichgewicht der Neurotransmitter schwer zu kontrollieren sind. Dennoch ist die Gabe von Medikamenten bei Vorliegen einer echten Depression zumindest über einen kurzen Zeitraum zu empfehlen (dabei ist zu beachten, dass es häufig mehrere Anläufe braucht, bis man das richtige Präparat findet und dass die tatsächliche Wirkung erst nach mehreren Wochen spürbar wird).

 

Möglichkeiten der Prävention

Das Auftreten einer Depression im Kindes- und Jugendalter lässt sich nicht mit absoluter Sicherheit verhindern, aber bei entsprechender Aufklärung ist es möglich, die Symptomatik rasch zu erkennen und Behandlungsschritte einzuleiten. Eine vertrauensvolles Miteinander und ein gewisses Mass an Stabilität innerhalb der Familie vermittelt den Kindern darüber hinaus die notwendige psychische Widerstandsfähigkeit (Resilienz), um mit Krisensituationen umgehen zu können. Falls in der Familiengeschichte bereits Depressionen aufgetreten sind, kann dies einen Hinweis liefern, dass eine genetische Prädisposition vorliegt. Allerdings führt diese Prädisposition nicht notwendigerweise zum Ausbruch der Erkrankung.

 

Quellen

Cummings, C. M., Caporino, N. E., & Kendall, P. C. (2014). Comorbidity of anxiety and depression in children and adolescents: 20 years after. In: Psychological Bulletin, 140 (3), 816-845.

Groen, Gunter/Petermann, Franz (2011): Depressive Kinder und Jugendliche. (Klinische Kinderpsychologie
Band 6). Göttingen: Hogrefe.

Horn, Hildegard; Geiser-Elze, Annette; Reck, Corinna; Hartmann, Mechthild; Stefini, Annette; Victor, Daniela; Winkelmann, Klaus & Kronmüller, Klaus-Thomas: Zur Wirksamkeit psychodynamischer Kurzzeitpsychotherapie bei Kindern und Jugendlichen mit Depressionen. In: Praxis der Kinderpsychologie und Kinderpsychiatrie 54 (2005) 7, S. 578-597.
http://psydok.psycharchives.de/jspui/bitstream/20.500.11780/2863/1/54.20057_4_45838.pdf_new.pdf

Kipman, Ulrike (2013): Psychologische Diagnostik moderierender Persönlichkeitsmerkmale bei Kindern und Jugendlichen
Österreichisches Zentrum für Begabtenförderung und Begabungsforschung (ÖZBF) http://www.oezbf.at/cms/tl_files/Publikationen/Veroeffentlichungen/Testverfahren-persoenlichkeit_WEB.pdf#page=140