Bupropion

Artikel aktualisiert am

Bupropion gehört zu den pharmazeutischen Wirkstoffen, die laut § 1 i. V. m. Anlage 1 Arzneimittelverschreibungsverordnung nur gegen ärztliche Verschreibung (in verschreibungspflichtigen Arzneimitteln) an Patienten ausgegeben werden dürfen.

In der offiziellen Arzneimittel-Klassifikation vom staatlichen Deutschen Institut für Medizinische Dokumentation und Information (DIMDI) wird Bupropion in drei verschiedenen Wirkstoffgruppen geführt:

  • N06 Psychoanaleptika (psychoaktive Substanzen, die den Organismus anregen bzw. die Stimmung aufhellen), hier N06A Antidepressiva, ATC-Code N06AX12 Bupropion
  • N07 Andere Mittel für das Nervensystem, hier N07B Mittel zur Behandlung von Suchterkrankungen, N07BA Mittel zur Behandlung der Nikotinabhängigkeit Raucherentwöhnung), ATC-Code N07BA02 Bupropion

Neben diesen Hauptanwendungsgebieten wird Bupropion im Kombination mit Naltrexon als Schlankheitsmittel eingesetzt: AO8, A08A Antiadiposita, exkl. Diätika (Schlankheitsmittel, ohne medizinische Diät-Lebensmittel), hier A08AA Zentral wirkende Antiadiposita, ATC-Code A08AA62 Bupropion und Naltrexon.

Im Off-Label-Use außerhalb der Zulassung wird Bupropion zur Therapie der Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung ADHS eingesetzt.

Kurze Geschichte des Medikaments

Bupropion wurde in den USA 1984 als Antidepressivum zugelassen, zunächst in nicht-retardierter Form und einer sehr viel höheren Dosierung, als heute zugelassen ist. Diese Zulassung wurde 1986 entzogen, weil der Wirkstoff mehrfach Krampfanfälle mit teils tödlichem Ausgang verursacht hatte.

Nun folgten zusätzliche Studien, in denen festgestellt wurde, dass diese Krampfanfälle eine dosisabhängige, seltene Nebenwirkung darstellen. 1989 wurde Bupropion in niedrigerer Dosierung in den USA erneut zugelassen; 1996 ließ die FDA (Food and Drug Administration) eine Retard-Formulierung zu, die 2-mal täglich genommen werden konnte bzw. musste; 2003 wurde eine Extended-Release-Version (XL, XR) zugelassen, die nur einmal pro Tag eingenommen werden muss.

In Deutschland wurde Bupropion als Antidepressivum gleich in der in der retardierten Form mit verzögerter Freisetzung zugelassen. Die Zulassung für das Original-Medikament mit Markennamen Elontril wurde zum 2. April 2007 erteilt; vor dieser amtlichen Zulassung war Bupropion als Antidepressivum bereits im Off-Label-Use in Gebrauch. Inzwischen ist der Patentschutz (der bei Psychopharmaka üblicherweise 10 Jahre beträgt) für Elontril ausgelaufen, neben dem Original-Präparat sind deshalb inzwischen zahlreiche Generika (Nachahmerpräparate) auf dem Markt.

 

Wirkung / Wirkstoff

Wie bei allen Antidepressiva ist der Wirkmechanismus von Bupropion darauf gerichtet, den bei Depressionen höchstwahrscheinlich gestörten Serotonin-Noradrenalin-Hirnstoffwechsel wieder auszugleichen. Wie bei den meisten Antidepressiva soll dazu der Stoffwechsel der körpereigenen Neurotransmitter beeinflusst werden; wobei der genaue Wirkmechanismus von Bupropion noch nicht vollständig geklärt ist.

Bupropion wird meist bei den selektiven Noradrenalin- und Dopamin-Wiederaufnahmehemmern (NDRI) eingeordnet, die die Verfügbarkeit beider Substanzen im Gehirn erhöhen, indem sie die Wiederaufnahme dieser Neurotransmitter in ihre Speicher verhindern. Was inzwischen über den genauen Wirkmechanismus bekannt ist, lässt jedoch Zweifel an dieser Einordnung aufkommen:

Die Einordnung als schwacher Dopamin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer basiert auf Tierexperimenten, wobei für die Wiederaufnahmehemmung ein Verhältnis von 2:1 Dopamin zu Noradrenalin beobachtet wurde. Mit modernen Untersuchungsmethoden konnte aber inzwischen festgestellt werden, dass Bupropion zugleich auch die Ausschüttung von Dopamin und Noradrenalin verursacht und deshalb in der Wirkung eher Amphetaminen ähnelt (Bupropion ist auch chemisch eng mit den Amphetaminderivaten Amfepramon und Cathinon verwandt, zum Ganzen siehe www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0074774209880094?via%3Dihub).

Je besser Bupropion mit modernen wissenschaftlichen Methoden untersucht werden kann, desto mehr wird die klinische (praktische) Relevanz seiner dopaminergen Wirkung jedoch auch schon wieder bezweifelt: Bupropion wird intensiv verstoffwechselt (über 87 % Bioverfügbarkeit). Sein Metabolit (Stoffwechselprodukt) Hydroxybupropion, der bereits während des First-Pass-Stoffwechsels (sofortige Verstoffwechslung nach Einnahme) in der Leber gebildet wird, erreicht eine bis zu 20fache Konzentration des Wirkstoffs Bupropion. Hydroxybupropion wirkt als Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer (und wahrscheinlich auch als Noradrenalin-Freisetzungsmittel) etwa gleich stark wie Bupropion; als Dopamin-Wiederaufnahmehemmer wirkt der Metabolit allerdings wesentlich schwächer. In mehreren Studien unter Einsatz von Positronen-Emissions-Tomographie konnte inzwischen am Patienten gezeigt werden, dass die Dopamin-Transporter nur in geringem Maße (14 %-26 %) durch Bupropion besetzt werden und die extrazelluläre Dopamin-Konzentration nach Einnahme keinen Anstieg des Dopaminspiegels nachweist. Nach aktuellem Stand der Forschung lässt sich die Wirkung von Bupropion daher eher mit der Wirkung von selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmern (SSRI) vergleichen.

Mit kleinen, aber wichtigen Abweichungen:

  • Bei ängstlicher Depression wirkt Bupropion nachweislich schlechter als SSRI
  • Es gibt Hinweise, dass Bupropion bei der Fatigue (schnellere körperliche und psychische Ermüdung), die oft mit depressiven Syndromen einhergeht, besser wirkt als SSRI
  • In Bezug auf Response (Ansprechen auf die Behandlung, Besserung >=50%) und Remission (Erreichen von Symptomfreiheit) wurde bisher lediglich untersucht, dass Bupropion schlechter als Venlafaxin wirkt
  • Gezeigt wurde auch, dass Bupropion nach Therapieversagen der häufigsten Ersttherapie Citalopram als Zweitlinientherapie ähnlich gut wirkt wie Buspiron, Sertralin, Venlafaxin (Remission bei ca. 1/4 der Patienten)

Bupropion wurde in Kombinationen mit verschiedenen SSRI untersucht und wirkte sich dabei positiv auf die sexuellen Dysfunktionen aus, die die Einnahme von SSRI häufig auslöst. Es gibt Hinweise, dass Bupropion auch bei Kombination mit weiteren Antidepressiva manche Nebenwirkungen wie Müdigkeit ausgleichen kann. Da systematische Untersuchungen dieses Bereichs jedoch noch ausstehen, ist Bupropion bisher nicht zur Anwendung gegen/bei Nebenwirkungen anderer Antidepressiva zugelassen.

Bei der Raucherentwöhnung zeigt sich Bupropion als etwa ebenso wirksam wie Nikotinpflaster und vermutlich etwas weniger wirksam als Vareniclin; ist aber nur bei einer bestimmten (bei europäischstämmigen Menschen weit verbreiteten) Genvariante eine erfolgversprechende Therapie-Option. Im Einsatz zur Appetitminderung und Gewichtsreduktion hat sich die Kombination Bupropion und Naltrexon in klinischen Studien als wirksame Methode für Adipositas-Patienten erwiesen. Die Anwendung auf ADHS ist als ärztliche Einzelfall-Entscheidung an Patienten unter 18 Jahren bisher weder in Bezug auf Sicherheit noch in Bezug aus die Wirksamkeit hinreichend untersucht.

Wirkungseintritt

Laut Fachinformation zu Elontril kann die erste Wirkung gewöhnlich ca. 14 Tage nach Beginn der Therapie festgestellt werden. Die volle antidepressive Wirkung soll sich jedoch – wie bei allen Antidepressiva – möglicherweise erst nach einer mehrwöchigen Behandlung zeigen.

Es wird empfohlen, Patienten mit Depressionen über eine ausreichende Zeit von mindestens 6 Monaten mit Elontril zu behandeln, um die Symptomfreiheit sicher zustellen.

 

Nebenwirkungen von Bupropion

In seinem Nebenwirkungsprofil unterscheidet sich Bupropion ziemlich von den üblichen Antidepressiva; die typischen Nebenwirkungen ähneln eher denen, die bei der Einnahme von Psychostimulanzien auftreten.

Sehr häufig (bei mehr als einem von 10 Patienten) reagieren Patienten mit Schlaflosigkeit (oft vorübergehend, wird meist weniger, wenn Bupropion nicht kurz vor dem Schlafengehen eingenommen wird), Kopfschmerzen, Mundtrockenheit, Übelkeit oder Erbrechen.

Häufig (bei weniger als jedem 10. und mehr jedem 100. Patienten) treten folgende Nebenwirkungen auf:
Krankhafte Unruhe und Angst, Zittern, Schwindel, Geschmacksstörungen, Bauchschmerzen, Verstopfung, Überempfindlichkeitsreaktionen wie Nesselsucht, Appetitlosigkeit, Sehstörungen und Tinnitus, erhöhter Blutdruck und Gesichtsröte, Hautausschlag, Juckreiz, Schwitzen, Fieber, Brustschmerzen und Kraftlosigkeit.

Gelegentlich (>= 1/1.000, < 1/100) werden depressive Symptome (im Zusammenhang mit bipolaren Störungen), Verwirrtheit, Konzentrationsstörungen, Gewichtsverlust und zu schnelle Herzschlagfrequenz beobachtet.

Es gibt weitere seltene und sehr seltene Nebenwirkungen wie Krampfanfälle, Aggressionen, Reizbarkeit, Immunreaktionen und Blutzuckerschwankungen, Koordinationsstörungen und Herzstolpern und einiges mehr, die nur jeden 10000. Patienten oder noch weniger betreffen und vereinzelte unerwünschte Auswirkungen, deren Häufigkeit auf Grundlage der verfügbaren Daten nicht abschätzbar ist.

Die Chancen und Begleitumstände des Auftretens dieser unerwünschten Wirkungen werden im Beipackzettel unter Nebenwirkungen und noch einmal unter der Überschrift “Besondere Warnhinweise und Vorsichtsmaßnahmen” ausführlich erläutert. Da solche selteneren Nebenwirkungen vor allem Menschen mit entsprechender Veranlagung bzw. Schwächen betreffen, sollte der Beipackzettel in Bezug auf solche besonderen persönlichen Veranlagungen sorgfältig studiert werden.

Eine Suchtgefahr kann bei längerer und/oder häufiger Anwendung nicht ausgeschlossen werden, das Potenzial wird jedoch insgesamt als gering angesehen.

Gegenanzeigen

In folgenden Fällen sollte Bupropion nicht eingenommen werden:

  • Gleichzeitig mit MAO-Hemmern, da diese auf die gleichen Stoffwechselwege wirken
  • Zusammen mit Alkohol, weil Hinweise auf einzelne neuropsychiatrische Nebenwirkungen existieren
  • Die Sicherheit der Einnahme in der Schwangerschaft ist nicht untersucht und wird deshalb nur empfohlen, wenn sie als unbedingt erforderlich angesehen wird
  • Da Bupropion und Metaboliten in die Muttermilch übertreten, sollte Bupropion in der Stillzeit nicht genommen werden bzw. die Mutter bei Einnahme von Bupropion nicht stillen.

Wechselwirkungen

Bupropion tritt mit folgenden Medikamenten in folgende Wechselwirkungen:

  • Bei allen Trizyklika außer Doxepin, vielen SSRI, dem Schmerzmittel Tramadol, Antipsychotika, Betablockern und Klasse-1C-Antiarrhythmika hemmt Bupropion die Verstoffwechslung und lässt so den Blutspiegel ansteigen
  • Der Spiegel von Citalopram steigt ebenfalls bei gleichzeitiger Einnahme von Bupropion, obwohl die Medikamente in anderen Stoffwechselwegen verarbeitet werden
  • Bupropion vermindert die sedierende Wirkung von Diazepam
  • Die gleichzeitiger Anwendung von Nikotinpflastern kann einen Blutdruckanstieg verursachen

Folgende Medikamente können die Wirkung von Bupropion beeinflussen:

  • Medikamente, die den Cytochrom P450-2B6-Stoffwechselweg beeinflussen (diverse Krebsmedikamente, zentral wirkende Muskelrelaxanzien und Thrombozytenaggregationshemmer) verschieben das Verhältnis Bupropion/Hydroxybupropion, die Auswirkungen sind nicht bekannt
  • Darüber hinaus wird bei Anwendung aller Medikamente zur Vorsicht geraten, die stark in Stoffwechselwege eingreifen
  • Zusammen mit Levodopa und Amantadin sollte Bupropion nur mit Vorsicht eingesetzt werden, weil vermehrte Nebenwirkungen auftreten können.

Da die vielfachen Wechselwirkungen von Bupropion durch medizinische Laien nur schlecht bewertet werden können, sollten Patienten Ihrem Arzt auch jegliche weitere Medikamenteneinnahme nennen.

Dosierung

In der Anwendung als Antidepressivum ist als Normaldosis die Gabe von 150 mg einmal täglich vorgesehen, die auch üblicherweise als Anfangsdosis verordnet wird.

Da in den klinischen Studien jedoch im niedrig dosierten Bereich keine optimale Dosis ermittelt werden konnte (die oben erwähnten Krampfanfälle traten vor allem bei einer Dosis von 600 mg auf), ist das nicht “das letzte Wort”. Wenn sich nach einem Monat 150 mg-Therapie keine Besserung zeigt, kann die Dosis nach Rücksprache mit dem Arzt auf einmal täglich 300 mg gesteigert werden.

Wichtig ist, dass zwischen den jeweiligen Einzeldosen immer eine Zeitspanne von mindestens 24 Stunden liegt.

Das Medikament absetzen

In den klinischen Studien zu Elontril wurden keine Absetzsymptome beobachtet (allerdings auch nicht systematisch erfasst).

Da Bupropion selektiv die neuronale Wiederaufnahme von Neurotransmittern hemmt, können Absetzsymptome oder ein Rebound-Effekt nicht ausgeschlossen werden.

Laut Fachinformation kann eine ausschleichende Therapie deshalb in Betracht gezogen werden; wenn Bupropion zur Raucherentwöhnung eingesetzt wird, wird diese sogar empfohlen.

Die Stiftung Warentest meldet in ihrer Datenbank “Medikamente im Test”, dass einzelne Fallberichte auch bei Absetzen von Bupropion das Auftreten des sogenannten akuten Absetz- oder Entzugssyndroms nahelegen.

Dieses eigenständige Syndrom zeigt sich durch folgende Merkmale:

  • Rasches Auftreten, meist in der 1. Woche nach Absetzen, Höhepunkt nach 36 bis 96 Stunden
  • Spontane (selbsttätige) Rückbildung, abhängig von der Halbwertzeit des Wirkstoffes in 2 (-6) Wochen
  • Meist milde, vollkommen rückbildungsfähige Symptomatik
  • Meist rascher und vollständiger Rückgang bei erneuter Einnahme des Wirkstoffs
  • Typisch sind unspezifische körperliche Symptome
  • Die häufigsten Symptome sind Kopfschmerz und Schwindel, Schlafstörungen und Stimmungsschwankungen, Gereiztheit und Übelkeit

Erfahrungen mit Bupropion

Die meisten Erfahrungen mit Medikamenten sind in Deutschland im Gesundheitsportal Sanego zu finden. Zu Elontril sind dort über 500 Erfahrungsberichte zu finden, die das Medikament mit einem Durchschnitt von 6.8 (von 10 möglichen Punkten) bewerten: www.sanego.de/Medikamente/Elontril.

Weitere Erfahrungsberichte mit Elontril und dem Absetzen von Elontril sind hier verzeichnet: https://psylex.de/psychopharmaka/psychopharmakon/bupropion2-erfahrung.html und https://www.mischa-miltenberger.de/antidepressiva-absetzen (unten bei den Kommentaren).